Diskurs über Sozialarbeit

Hälfte / Moitié

Diskurs zu Artikel Sozialdienst ist keine soziale Arbeit mehr in Hälfte / Moitié“ vom 22. Dezember 2014:

http://www.haelfte.ch/index.php/Portraet_Reader/items/Keine_soziale_Arbeit.html

Es ist folgende Leserzuschrift eingetroffen:

Transparenz statt Polemik

Das scheint mir die richtige Antwort auf die Aussage zu sein, dass Sozialdienst keine Soziale Arbeit mehr sei. Als Sozialarbeiter tut mir das weh. An die Kritik von rechts bin ich mich leider gewohnt, die Kritik von links erwischt mich im­mer wieder voll auf dem linken Fuss. 

Warum wird hier nicht erwähnt, dass Sozialdienste eben leider nicht das Defizit, das Manko, die Häme der Wirtschaft auffangen können, die keine Arbeitsplätze schaffen für die Reintegration von Sozialhilfebezügern. Da wird doch auch in Hälfte/Moitie im­mer wieder der Bock zum Gärtner gemacht. 

Ich habe selber 6 Jahr auf Sozialdiensten gearbeitet und weiss, dass da trotz allem würdig und achtungsvoll auf Menschen eingegangen wird, ohne falsche Versprechun­gen (was das Schlimmste für Hilfesuchende ist, immer, sondern transpa­rent, was sie erwartet, was im Rahmen der Sozialhilfe von Sozialdiensten möglich ist und was nicht.) 

Die Kritik zielt auf etwas Richtiges, verfehlt aber eine Logik des systematischen Sozial­abbaus: Es ist immer ein Dreisprung: zuerst wird das Klientel diffamiert, dann die Sozialarbeitenden (die das Image der Klientel übernehmen), dann das ganze Sys­tem. 

Sozial Arbeitende auf Sozialdienste stehen somit (wenn auch mit einem anderen, aber auch nicht so spektakulären Einkommen als ihr Klientel) genau so pauschal in der Kritik wie das Klientel. Und das System der Sozialhilfe insgesamt. DAS ist das Fatale.

Und dass dann Hälfte/Moitié nicht mithilft, diese zynische Dialektik aufzuzeigen, son­dern bei Schuldzuweisungen an Sozialarbeitende mithilft, sorry, nein, darauf muss und will ich als Sozialarbeiter reagieren. So einfach und billig ist das definitiv nicht. 

Transparenz statt Polemik. Die Wirtschaft, der ach so freie Markt ist schuld, nicht die Sozialhilfe – sie ist wirklich, da hat Henriette Kläy und P. recht, das letzte Auffang­netz. 

Die Kritik von rechts und links an Sozialdiensten läuft Gefahr, dass dieses Netz, mit all seinen Schwächen (es ist nicht alles verheissende Lösung von Armut, es ist in vielem so ethisch korrekt wie mögliche Armutsverwaltung, ohne das zynisch, son­dern ganz pragmatisch, realpolitisch zu verstehen) auch noch ausgehebelt wird, ge­schwächt und diffamiert ist es schon genug. Das ist doch die Gefahr. 

Ich bitte die Redaktion und die Leserinnen und Leser von Hälfte/Moitié, auch auf die­sen Aspekt ein Auge zu behalten und wachsam zu bleiben. Danke. 

Sandro Fischli, Sozialarbeiter

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Antwort von Henriette Kläy

Lieber Sandro Fischli 

Danke für Deine Antwort auf meinen Artikel „Sozialdienst ist keine soziale Arbeit mehr“. Es tut mir leid, wenn mein Text dich enttäuscht hat. Es ist nicht meine Absicht, den Sozialhilfedienst zu verunglimpfen und schon gar nicht die BetreuerInnen an der „Front“, und wenn das so bei dir angekommen ist, dann kann es nur an einem Missverständnis liegen. Möglicherweise habe ich mich missverständlich ausgedrückt, obwohl ich auch unter dem Gesichtspunkt deines Briefes nichts derartiges feststellen kann. 

Du sagst, ich gehe nicht ein auf die negativen Einflüsse von Wirtschaft und Politik. Hier möchte ich ein paar Sätze aus meinem Text zitieren: (Zitate sind immer kursiv

Absatz. 1: Heute geht es infolge absolut restriktiver und rein buchhalterischer Vorgaben nur noch darum, in einem ganz engen Rahmen möglichst viel einzusparen, anstatt den Bedürfnissen der betroffenen Menschen Gehör zu verschaffen. Ein Gefühl der absoluten Ohnmacht herrscht vor. 

Diese Vorgaben werden den Sozialdiensten von der Politik gegeben, die wiederum von der Wirtschaft beeinflusst ist. Hier kann ich keinen Vorwurf meinerseits an die Sozialdienste erkennen. Im Gegenteil: Wie Du es richtigerweise formulierst: ist es ein Defizit, ein Manko, es ist Häme der Wirtschaft, und ich füge dem hinzu: welcher die Politik in keiner Weise entgegenhält. So dass sich die meisten Sozialarbeitenden in den Ämter ohnmächtig fühlen, weil dabei ihre beruflichen Ideale und ausser finanziellen  Aufgaben nicht mehr wahrgenommen werden können. 

Ein weiteres Zitat aus Absatz. „Nur nach ökonomischen Gesichtspunkten“:

Als Sozialarbeitender  musst Du Schlachtpläne haben und musst Leistungen er-streiten, kämpfst gegen alle: IV, Sozialdienste, Krankenkassen, Politik - alles ist von einander abgekoppelt und wird ausschliesslich nach ökonomischen Gesichtspunkten gehandhabt. Du spürst die Machtlosigkeit im System und damit die Unmöglichkeit, den ethischen Grundsätzen deines Berufs gerecht zu werden. Durch endlose Wiederholungen herrscht Hoffnungslosigkeit vor, das Repertoire von Handlungsoptionen ist äusserst beschränkt und du nimmst hauptsächlich Kontrollaufgaben wahr. Du vertrittst die Behörde, die ein Minimum zu gewähren imstande ist, und deine KlientInnen sehen dich als Gegner. 

Diese Aussagen habe ich nicht erfunden. Sie stammen alle aus Diskussionen mit Sozialarbeitenden, mit einigen von ihnen arbeite ich in der SKOS-Allianz zusammen. Sie bestätigen, was ich immer sagte, dass nämlich die MitarbeiterInnen in den Sozialdiensten gewissermassen im Sandwich stecken: Sie werden von ihren Behörden genauso wie von ihren KlientInnen angegriffen und müssen sich andauernd nach allen Seiten rechtfertigen. Ich habe die Sozialdienste schon vor Jahren als Mitbetroffene gesehen, die eigentlich als Verbündete im selben Boot sitzen wie wir Betroffenen. So sehr ich auch versuche, deine Ausführungen bestätigt zu finden, ich kann es nicht. Und P. gibt es als Person, diese steht jedoch für alle Sozialarbeitenden, deren Aussagen ich hier zusammengefasst habe, quasi als Symbol, dass diese Aussagen authentisch sind. 

Andererseits bin ich aber mit allen deinen Aussagen über die Situation der Sozialdienste einverstanden, sie entsprechen meiner eigenen Auffassung. Vielleicht hätte ich sagen sollen „Sozialdienst kann heute keine wirklich soziale Arbeit mehr leisten“, vielleicht hättest Du dich dann weniger angegriffen gefühlt. Ich war der Meinung, der Text würde den Titel dahingehend erläutern. 

Ich hoffe, dass meine Ausführungen dich davon überzeugen können, dass ich und ebenso die „Hälfte/Moitié“ ganz auf der Seite der Sozialarbeitenden stehen. 

Herzlichst 

Henriette Kläy
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VPOD verurteilt Hetze gegen KESB-Personal aufs Schärfste

Das Personal der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB sieht sich im Kanton Zürich mit Diffamierungen und Drohungen konfrontiert, die einer eigent­lichen Hexenjagd gleichkommen. Eine wesentliche Kraft hinter dieser Hetz­kampagne ist die SVP.

http://www.vpod-zh.ch/ansicht/news-vpod-zh/article/vpod-verurteilt-hetze-ge­gen-kesb-personal-aufs-schaerfste.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=34&cHash=9403a68fb53c1fa40faed7096330ed1a 

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Entschädigung für Fürsorgeopfer

( TA ) Der Bundesrat kommt den Initianten der Wiedergutmachungsinitiative entgegen. Er hat beschlossen, dem Volksbegehren einen indirekten Gegenvor­schlag gegenüberstellen. Die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sol­len mit bis zu 300 Millionen Franken entschädigt werden. (14.01.2015) 

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Fuersorgeopfer-sollen-300-Millio­nen-erhalten/story/13372755

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Bürgerstaat und Staatsbürger

(Avenir Suisse) Über 100000 Bürger haben in der Schweiz in Gemeinden, Kantonen und Bund politische Ämter inne. Die meisten tun dies ehrenamtlich und nebenberuflich. Trotzdem sinkt die Beteiligungsbereitschaft der Bürger lau­fend. 2007 engagierten sich 26% der erwachsenen Bevölkerung in institutionali­sierter Freiwilligenarbeit, unter die auch ein Grossteil der politi­schen Miliztätigkeit fällt, 2013 waren es nur noch 20%.

http://www.avenir-suisse.ch/42791/buergerstaat-und-staatsbuerger-milizpolitik-zwischen-mythos-und-moderne/

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