Eine museale Reaktion

Hälfte / Moitié

Die Redaktion Hälfte / Moitié veröffentlichte am 19. Dezember 2011 Beiträge zum Thema Gesundheit von Langzeitarbeitlosen in der Stadt Bern. Wir skizzierten dabei auch die Haltung des Komitees der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen (KABBA) Bern und ergänzten den Text mit einem kurzen kritischen Kommentar. Gerne hätten wir umgehend eine LeserrInnenreaktion publiziert. Eine öffentliche Diskussion zum sehr wichtigen Thema der Prioritäten in der Armutsbekämpfung täte dringend not.

Bei Paul Ignaz Vogel, Ko-Redaktor und persönlich bisher aus Sympathiegründen Mitglied des Komitees der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen (KABBA) traf  jedoch ein am 21. Februar 2012 datierter eingeschriebener Brief vom Präsidenten des KABBA ein. Wir publizieren ihn, weil er unsere Redaktionsarbeit betrifft:

„Am 17. Januar 2012 hat der Vorstand einstimmig beschlossen, gemäss Artikel 4.2 und 4.3 der Statuten dich wegen vereinsschädigendem Verhalten aus dem Komitee der Arbeitslosen KABBA auszuschliessen. Begründung: Am 19. Dezember 2011 hat der Mediendienst Hälfte über das Projekt Sozialamt der Stadt Bern für eine wirksame Gesundheitsförderung in der Sozialhilfe berichtet. Im Gegensatz zur Medienmitteilung der Direktion für Bildung, Soziales und Sport der Stadt Bern wurde die Medienmitteilung des KABBA nur ausschnittsweise und verändert wiedergegeben. Wir sind zum Schluss gekommen, die Darstellung habe das Ziel verfolgt, den Eindruck zu erwecken, für KABBA sei die Gesundheit von Arbeitslosen nebensächlich. Wir betrachten dies als vereinsschädigendes Verhalten.“ 

Gerne geben wir nochmals die fraglichen am 19. Dezember 2011 publizierten Texte wieder.

Redaktion Hälfte / Moitié

 

Gesundheit von Langzeitarbeitslosen gefährdet

Mitget./ Langzeitarbeitslose, die Sozialhilfe beziehen, fühlen sich markant weniger gesund als der Durchschnitt der Bevölkerung. Dies zeigt eine Studie der Berner Fachhochschule, die das Sozialamt der Stadt Bern in Auftrag gegeben hat. Zusammen mit den betroffenen Personen entwickelt das Sozialamt nun Projekte für eine wirksame Gesundheitsförderung in der Sozialhilfe.

„Krankheit macht arbeitslos, Arbeitslosigkeit macht krank“, so fasste Gemeinderätin Edith Olibet die Ergebnisse einer Studie zusammen, welche den Gesundheitszustand von Langzeitarbeitslosen untersuchte. Die von der Berner Fachhochschule im Auftrag der Stadt erarbeitete Untersuchung zeigt ein klares Bild: Langzeitarbeitslose, die Sozialhilfe beziehen, fühlen sich deutlich weniger gesund als der Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung. Arbeitslosigkeit führt nicht nur zu finanziellen, sondern häufig auch zu psychischen und gesundheitlichen Problemen, was die Lebensqualität stark verringert.

Psychische Folgen im mittleren Alter am deutlichsten

Die Studie zeigt, dass sich ältere Arbeitslose gesundheitlich beeinträchtigter fühlen als jüngere. Von den psychischen Gesundheitsfolgen sind Arbeitslose im mittleren Lebensalter am härtesten betroffen. Die Autoren der Studie führen das darauf zurück, dass Arbeitslosigkeit dann besonders stigmatisierend wirkt, weil diese Lebensphase geprägt ist vom gesellschaftlichen Ideal der Schaffenskraft und Leistungsfähigkeit. Es fällt auf, dass sich bei Menschen in allen Altersgruppen mit der Beeinträchtigung der Gesundheit und Lebensqualität auch das Vertrauen in die eigene Fähigkeit reduziert, das eigene Leben erfolgreich gestalten zu können.

Sozialamt fördert Selbsthilfeprojekte

Weil eine gute Gesundheit ein wichtiger Faktor ist für eine erfolgreiche Wiedereingliederung ins Berufsleben, baut das Sozialamt der Stadt Bern verschiedene Programme zur Gesundheitsförderung auf. „Für uns ist es wichtig, dass die arbeitslosen Personen bei der Entwicklung und Umsetzung der Gesundheitsförderungsmassnahmen selbst mitwirken und Verantwortung übernehmen“, betont Felix Wolffers, Leiter des städtischen Sozialamts. Gefördert werden deshalb Selbsthilfeprojekte in den Bereichen gesunde Ernährung, Bewegung und bessere soziale Vernetzung. Das Interesse der Betroffenen ist gross: Mehr als 60 Personen haben sich bisher an der Entwicklung von Selbsthilfeprojekten beteiligt. Parallel zu den Selbsthilfeprojekten baut das Sozialamt in seinen Einsatzprogrammen körperliche Aktivitäten und Informationen zur Gesundheitsvorsorge ein. Das soll sich auch finanziell lohnen: „Wir erwarten, dass damit ein Beitrag zur Senkung der Gesundheitskosten geleistet werden kann“, sagt Felix Wolffers.

(Medienmitteilung der Direktion für Bildung, Soziales und Sport der Stadt Bern, 6.12.2011).


Eine Selbsthilfegruppe nimmt Stellung

(Hälfte) Die Berner Selbsthilfegruppe „Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen“ (KABBA) bezieht zur Studie Stellung und unterbreitet der Öffentlichkeit Forderungen.

KABBA begrüsst den Wunsch nach mehr Gesundheit für die Langzeitarbeitslosen. Eine aktive Sportförderung sollte jedoch auf Freiwilligkeit beruhen. Die Diskussion um die Gesundheit von Armutsbetroffenen sei ein Nebenschauplatz.

Die Forderungen von KABBA lauten: Um die materielle Situation der Betroffenen zu verbessern, sei das Existenzminimum der Sozialhilfe in der Schweiz um einen Drittel zu erhöhen. Damit werden SozialhilfebezügerInnen weniger dem krank machenden materiellen Existenzkampf ausgesetzt. Günstiger und grosszügiger Mietraum müsste vermehrt bereit gestellt werden. Auch sei die Praxis abzuschaffen, dass die von der Arbeitslosenversicherung ausgesteuerten Personen zuerst alle ihre Ersparnisse aufbrauchen müssen, bevor sie Sozialhilfe beziehen können.

Kritische Bemerkungen:

(Red). Die Haltung des KABBA erstaunt, wonach die Gesundheit der Arbeitslosen nebensächlich sei. Für uns ist die Gesundheit jedes Einzelmenschen prioritäres Gut. Zudem: Steuergelder berappen die Sozialhilfeleistungen. Weshalb für BezügerInnen dieser öffentlichen Unterstützung ein privilegierter Schutz des Privateigentums (Ersparnisse) gelten soll, ist kaum nachvollziehbar.




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