Erinnerungen an die Selbstverwaltung

Otmar Hersche

Die Bemerkung zur Selbstverwaltung (in der Besprechung zur Otto-Stich-Autobiogra­fie von Paul Ignaz Vogel*) veranlasst mich, einen einschlägigen Text zu schicken. Es sind Notizen zu meinen Gesprächen mit Arnold Künzli. Der Text ist Ende November 2011 erschienen (Arnold Künzli, Erinnerungen. Hg. von Ueli Mäder und Simon Mu­gier).

Am 6. Februar 2008, 15.00 Uhr, steht der Name von Arnold Künzli zum letzten Mal in meiner Agenda. Wir trafen uns an diesem Tag an seiner Adresse an der Chut­zenstrasse in Bremgarten bei Bern. Chutzenstrasse Nummer 40: Das war zunächst, wie einige von Ihnen wohl wissen, eine kurze aber steile Treppe hinauf in sein Wohnzimmer. Diese Treppe wurde ihm  einige Tage  später zum Verhängnis. Arnold wollte mir einige Fotos zeigen, die er während der Sommerschulen auf der dalmati­schen Insel Korcula gemacht hatte. Diese Anlässe fanden in den Jahren 1964 bis 1974 immer im August statt. Gastgeber waren marxistische Philosophen und Sozio­logen mehrheitlich aus Zagreb und Belgrad. Die Beteiligung war international. Studie­rende und Professoren kamen aus vielen Ländern Ost- und Westeuropas und aus Amerika, um in völliger Freiheit, mitten im trostlosen Klima des Kalten Krieges zu de­battieren. Arnold erzählte gerne darüber. Er hatte die Fotos schön geordnet in ver­schiedene, mit entsprechenden Jahreszahlen markierte Briefumschläge gesteckt. Er konnte noch alle Personen, die er vor rund 40 Jahren fotografiert hatte, identifizieren.

Ein zentrales Thema war damals das jugoslawische Modell der Selbstverwaltung als Basis für eine humane demokratische sozialistische Gesellschaft. 1968 war der Pra­ger Frühling, der im Zeichen vergleichbarer Vorstellungen gestanden hatte, mit gro­ber Gewalt beendet worden. Die Vorgänge hatten einen tiefen Schock in Korcula ausgelöst. Aber die Hoffnung unserer Freunde auf eine Veränderung der Verhält­nisse blieb ungebrochen. Der Geist werde stärker sein als Waffengewalt: Diese Überzeugung war allgemein. Arnold Künzli beobachtete die Auseinandersetzungen mit Interesse und Sympathie, obwohl er die realen Chancen skeptisch beurteilte. Denn Selbstverwaltung auf der einen und der Machtanspruch einer Einheitspartei auf der anderen Seite waren nach seiner Auffassung unvereinbar. Wie richtig seine Skepsis war, zeigte sich leider in wenigen Jahren. Das jugoslawische Konzept der Selbstverwaltung verschwand von der öffentlichen Bühne, respektive es wurde vom Tito-Regime zum Verschwinden gebracht. Das geschah nicht mehr mit Getöse – wie 1968 in Prag – sondern diskret, aber effizient. Für alle, die in einem demokratischen Sozialismus in Jugoslawien eine echte Chance gesehen hatten, war eine weitere Hoffnung zerstört.

Das Thema Selbstverwaltung spielte in der Geschichte von Arnold noch ein weiteres Mal eine wichtige Rolle. Es ging um ein neues Programm, das die Schweizer Sozial­demokraten an ihrem Parteitag in Montreux im Jahre 1976 beschlossen hatten. Das Ende des Kapitalismus sollte eingeläutet werden und das Prinzip Selbstverwaltung sollte für alle Bereiche, auch und besonders für die Wirtschaft gelten. Künzli arbeitete als Experte an diesem Programm. Doch das schweizerische Modell der Selbstver­waltung fand ein Ende, bevor es angefangen hatte. 1981 wurde das Projekt am SP-Parteitag in Interlaken abgeblasen. Nicht eine Monopolpartei wie in Jugoslawien war schuld am Debakel, sondern der politisch-wirtschaftliche Filz, zu dem auch die Sozi­aldemokraten gehörten. Arnold Künzli meinte dazu in einem Radiogespräch von 1986: „Die Sozialdemokratie ist doch längst eine bürgerliche Partei, die sich mit dem bestehenden Wirtschaftssystem abgefunden hat, und die ihre wesentliche Aufgabe noch darin sieht, die sozialen Härten, die dieses System verursacht, zu mildern.“

In diesem Zitat ist die Enttäuschung unüberhörbar. Es ist eine Enttäuschung, die über den konkreten Anlass der Programmarbeit hinausgeht. Es ist eine grundsätzli­che Enttäuschung über politische Entwicklungen. Die Idee der Selbstverwaltung ent­hält ja konzentriert und im Kern alles, was Demokratie ausmacht. Dass die Prinzipien der Demokratie und damit die Grundlagen eines vernünftigen und menschenwürdi­gen Zusammenlebens laufend verraten und zerstört werden, empörte Arnold Künzli tief. Bis fast zuletzt versuchte er, seinen Protest öffentlich zur Sprache zu bringen – was nicht immer einfach war, weil das Format seiner Artikel nicht ohne Weiteres in das heute allgemein geltende mediale Layout passte. Die gleiche Thematik war auch ein Leitmotiv in unseren Gesprächen, die wir nach seinem Umzug nach Bern in einer gewissen Regelmässigkeit führten. Gelegentlich hielt er nach einem solchen Ge­spräch seine weiterführenden Gedanken in einem Text fest, den er fehlerfrei auf sei­ner Schreibmaschine getippt hatte – wobei ich betonen möchte, dass diese Schreib­maschine bereits eine elektrische war, dies wohl als seine Konzession an den unauf­haltsamen Fortschritt. Der Philosoph und der Journalist Künzli bildeten nach meinem Eindruck ein gut eingespieltes Team, das die Ereignisse in der nahen und fernen Welt nicht aus den Augen verlor und scharfsinnig analysierte.

Ich habe viel aus den Gesprächen mit Arnold gelernt. Seine aufrichtige konsequente und aufrechte Haltung wird mir immer in Erinnerung bleiben.                                                                     


Zur Person: Otmar Hersche, geb. 1934, Dr. phil., Studium der Germanistik und Soziologie. Journalist und Redaktor. Verschiedene Funktionen in elektroni­schen Medien, u. a. Direktor von Radio und Fernsehen DRS.

 

* Siehe unter Rubrik Galerie / Bücher

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