Profit dank Wasser und Brot

Oswald Sigg

Weshalb mangelt es an Wasser und Brot in weiten Teilen der Welt? Wohl auch weil wir die Vermarktung des Gemeinguts Wasser zulassen und weil wir wegschauen vom Treiben an den Rohstoffbörsen, wo täglich der mehrfache Weltgetreideverbrauch gehandelt wird. Die Folge sind Preisexplosionen, die erneut zu Hungerrevolten führen können, warnt die Weltbank.

2010 erklärte die UNO den Zugang zu sauberem Trinkwasser als Menschenrecht. Über eine Milliarde Menschen hat diesen Zugang nicht. Man muss also einiges tun, damit das Recht allen Menschen zu Gute kommt.  Doch dieser Tage rechnet uns Peter Brabeck, der Verwaltungsratspräsident von Nestlé, des grössten Wasservermarkters, vor, was die UNO mit ihrem Beschluss genau gemeint hat. Der Mensch hat einen täglichen Bedarf von 5 Litern Wasser. Dazu kommen noch „die 20 Liter für die tägliche Mindesthygiene“.  Diese 25 Liter Wasser sind ein Menschenrecht, erklärt Brabeck in einer WEF-Pause im Schnee von Davos gegenüber dem SonntagsBlick.* Und weiter, wörtlich: „Dieses Menschenrecht macht genau 1,5 % des internationalen Wasserverbrauchs aus – dieser sollte frei sein. Aber für die restlichen 98,5 % sehe ich kein Menschenrecht.“ Man fragt sich unwillkürlich, für wen denn die riesige Restwassermenge bestimmt sein soll. Deshalb fügt Brabeck noch hinzu,  wörtlich: „Es gibt kein Menschenrecht auf Wasser für Swimmingpools und Golfplätze.“ 

Maude Barlow, die kanadische Menschen- und Bürgerrechtsaktivistin, wirft Nestlé eine „kriminelle Unternehmenspolitik“ vor. Der Konzern schöpft in gewissen Ländern das Grundwasser ganzer Regionen ab und verkauft es zu einem teuren Preis. Die damit verbundene Sabotage der öffentlichen Wasserversorgungen oder das Sinken der Grundwasserspiegel ist den Schweizer Wasserhändlern Wurst. 

Privatisierung öffentlicher Güter

Übrigens: Nur dank der grassierenden Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen kann Brabeck überhaupt seine Weisheiten von Davos aus in die Welt plaudern. Die Durchführung des WEF, einem privaten Meeting von ein paar hundert Showgrössen aus Politik, Wirtschaft und Medien, ist nur möglich, weil der horrende Sicherheitsaufwand zulasten der Öffentlichkeit, nämlich der Gemeinde Davos, des Kantons Graubünden und der Schweizerischen Eidgenossenschaft geht. Die zynische Prozentrechnung von Brabeck will uns von der Tatsache ablenken, dass Nestlé mit einem öffentlichen Gut Geld macht, derweil täglich Tausende aus Mangel an ebendiesem öffentlichen Gut sterben. So etwas ist nur mit einer Moral möglich, die den Markt und den Privatbesitz über die Universalität der Menschenrechte erhebt.  Aber damit ist Brabeck gar nicht allein. 

Der Journalist Harald Schumann hat kürzlich die Ursachen von Hunger und Unterernährung aus einer anderen Perspektive beschrieben.** Er stellt die Entwicklung an den Rohstoffmärkten der wachsenden Not in Asien, Afrika und Mittelamerika gegenüber.            

Einerseits: Im letzten Frühling empfahlen die Investmentberater von Barclays ihren Kunden, vermehrt in Agrarrohstoffe anzulegen.

Was sich am besten auszahlt

Es sei der Sektor mit der besten Performance: bis zu 50%. Jetzt sei die Zeit gekommen, „wo die Entscheidung, das Portfolio über Rohstoffanlagen zu diversifizieren, sich am besten auszahlt.“  Diesem Ratschlag voraus ging ein zehnjähriger Umstieg von Investoren aller Art – von Pensionsfonds und Versicherungskonzernen bis zu Kleinanlegern – in die Rohstoffmärkte. Über 700 Milliarden Dollar sind seither in Anlagen für Agrarrohstoffe geflossen, mit einem monatlichen Zuwachs zwischen 5 und 10 Milliarden Dollar.                

Anderseits: Seit dem Jahr 2000 steigen – mit einer Ausnahme im Jahr 2008 - ununterbrochen die Preise für Grundnahrungsmittel auf den Weltmärkten. Alle wichtigen agrarischen Rohstoffe – Getreide, Speiseöl, Zucker, Milch – sind heute mehr als doppelt so teuer wie zehn Jahre zuvor. Die Preise der wichtigsten Getreidearten Weizen, Mais und Reis stiegen sogar um 150 % gegenüber jenen des Jahres 2000. Die Weltbank warnt seit langem, dass das Ansteigen der Nahrungsmittelpreise in den Entwicklungsländern nicht nur die Hungersnot stetig erhöhe, sondern ein „giftiges Gemisch aus menschlichem Leid und sozialem Aufruhr“  schaffe. Man befürchtet erneut Hungerrevolten. Auch die UNO, die mit ihrem World Food Programme rund 90 Millionen Menschen in aller Welt mit Nahrung versorgt, klagt über die enorm gestiegenen Kosten, die ihr Food-Budget zu sprengen drohen.

Brotgetreide profitabler als Aktien

Schumann geht ausführlich der Frage nach, „warum das Brot für die Welt überhaupt über Börsen gehandelt wird und noch dazu von Kapitalanlegern, die weder mit der Produktion noch mit der Verarbeitung von Nahrungsmitteln irgendeine Verbindung haben.“ Er hat einen bösen Verdacht: dass da eine kleine Minderheit von reichen Spekulanten ihr Geschäft mit der Not von Millionen hungernder Menschen macht.  Allerdings sind es nicht einfach ein paar Gutbetuchte und potente institutionelle Anleger. Der anhaltende Boom der Rohstoffmärkte hat auch mit einer Erfindung der Deutschen Bank (mit dem Schweizer Joe Ackermann an deren Spitze ) zu tun. Sie konstruierte einen sogenannten offenen Rohstofffonds, mit dem auch Kleinanleger Positionen in Kupfer oder Getreide so einfach handeln konnten wie mit Aktien oder Anleihen. Dazu kommt, dass die grossen Banken selbst in den physischen Handel mit Rohstoffen eingestiegen sind. Sie horten die Rohstoffe, wenn sie sie später zu höheren Preisen verkaufen können.  Das Marketing der Banken signalisiert mittlerweile ihren Kunden, Rohstoffe hätten eine „entscheidende Rolle für ein krisenfestes Depot.“ Das ist eine Empfehlung von Union-Investment, einer Fondstochter der deutschen Genossenschaftsbanken. Für den Autor steht ausser Zweifel, dass die Rohstoffpreise durch verschiedene Faktoren – schlechte Ernten, nachlassende Ölförderung oder auch steigende Nachfrage - beeinflusst werden. Aber seinen initialen Verdacht ist Schumann nicht losgeworden wenn er zum Schluss schreibt: „Doch unübersehbar ist, dass die Mobilisierung der vielen hundert Milliarden Dollar für die Rohstoffspekulation diese ‚fundamental‘ genannten Faktoren zumindest über lange Phasen ausser Kraft setzen kann – und damit grossen Schaden und ungeheures menschliches Leid anrichtet.“  

  • „Es gibt kein Menschenrecht auf Wasser für Swimmingpool und Golfplätze“. Interview mit Nestlé-VR-Präsident Peter Brabeck, SonntagsBlick 29. Januar 2012
  • Harald Schumann „Das Brot an den Börsen: Wetten auf Hunger“ in: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2011


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