Wer treulich arbeitet

Oswald Sigg

Einleuchtend zunächst, was Rudolf Strahm zur Berufsbildung sagt. Die Wirtschaft braucht berufsgelernte Arbeitskräfte. AbsolventInnen einer Berufslehre sind weniger als andere von der Arbeitslosigkeit oder vom Armutsrisiko heimgesucht. Deshalb bezahlt die Wirtschaft diesen bis 1‘500 Franken mehr (monatlich!) als den Ungelernten.

Mit einer Berufsbildung kann man aber auch viel besser Karriere machen und dann kriegt man monatlich erst noch mehr als die 1‘500 Franken, die man allein schon der Berufslehre wegen mehr erhalten hat. Auch wenn mittlerweilen selbst Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) öffentlich davon spricht, eine Lehre sei in der Schweiz leider auch keine Garantie mehr für einen Lohn, der zum leben ausreiche, muss man dennoch Strahms Erkenntnisse auf den Punkt bringen: wären nur alle Arbeitnehmenden mindestens berufslehregebildet, würden sie allesamt in den Arbeitsmarkt integriert und die öffentliche Sozialhilfe könnte glatt abgeschafft werden. 

So taucht es wieder einmal auf, das Märchen von der Vollbeschäftigung und jenes vom  Arbeitsmarkt. Mitten in der europäischen Realität, geprägt von 25 Millionen Lohnarbeitslosen. Da, wo eben gerade tagtäglich mit betriebswirtschaftlicher Effizienz Tausende von Arbeitsplätzen in der Substanz verunstaltet, global verschoben oder kurzerhand vernichtet werden. Im Hintergrund der Strahm‘schen Power Point-Präsentation wetterleuchtet aber auch das allzu simple Verständnis von der Arbeit als Lohnarbeit und dass der Mensch allein damit den Anspruch auf die Würde und die Erfüllung seines Lebens erwirbt. Die Arbeit zum redlichen Erwerb des Glücks auf Erden. Und es wäre auch die schematische Darstellung der Lohnarbeits-Ideologie zu optimieren: Arbeit = Lohn / mehr Arbeit = mehr Lohn / mehr Ausbildung = noch bessere Arbeit = noch mehr Lohn usw. Die Moral dieses Märchens: der Arbeitsmarkt ist eine Fiktion, die Vollbeschäftigung eine Halluzination.  Aber was bedeutet eigentlich das Wort Arbeit? 

Die Arbeit wird gemeinhin als zweckgerichtete körperliche und geistige Tätigkeit des Menschen bezeichnet. Noch im frühen Mittelalter wurde unter dem deutschen Begriff Arbeit vorwiegend Mühsal, Plage oder Anstrengung verstanden, in den altslawischen und russischen Sprachräumen war rabota (Arbeit) der Inbegriff für Knechtschaft und Sklaverei. Erst mit Martin Luther bekommt die Arbeit auch eine positive Bedeutung: „Wer treulich arbeitet, betet zwiefältig“. Das wäre dann die Formel: Arbeit = Gebet = Himmel. Über Jahrhunderte hinweg war und ist mit der Arbeit ein Zwang verbunden. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – das mittelalterliche Sprichwort gilt heute mit der Lohnarbeit unverändert. Die Arbeit erschöpft sich aber gar nicht in der Lohnarbeit. Diese ist nur das Trinkgeld des Arbeitsmarkts. Die meiste, ja die grosse Arbeit wird unbezahlt geleistet, weil sie ein Prozess ist, der Mensch, Gesellschaft und Natur gestaltet und dauernd verändert. 
 
Ich habe von einer Lesung in den sechziger Jahren im Zürcher Hechtplatztheater noch den greisen Ernst Bloch in Erinnerung, wie er die letzten Sätze aus seinem Prinzip Hoffnung vortrug:

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“


***
 
Eine Leserzuschrift

Lieber Oswald Sigg, Ihnen und Paul Ignaz Vogel möchte ich wieder einmal ganz kurz sagen, wie ich sehr ich Ihre "Hälfte" schätze. Ganz besonders dankbar bin ich Ihnen für Ihren Einsatz für das bedingungslose Grundeinkommen. Durch die Lektüre von André Gorz bin ich schon vor rund 10 Jahren zur Einsicht gelangt, dass "der Arbeitsplatz" durch die technischen Revolutionen zum eigentlichen Unterdrückungsinstrument des Kapitals geworden ist. Fatalerweise hält die Gewerkschaftsbewegung - wie die kürzliche Debatte im "WORK" zeigte - grossmehrheitlich unerschütterlich fest an einem Begriff von Arbeit, in dem sie nicht zu Unrecht das Fundament ihrer Macht sieht. Dabei vernichten die Angst vor dem Verlust der Lohnarbeit und die Fata Morgana einer neuen "Vollbeschäftigung" zunehmend die letzten Reste von Solidarität und Gemeinsinn, ersticken jede grundlegende Veränderung in "Anpassung" und Lethargie und schaffen immer grössere Freiräume für Gier und Ausbeutung.

Leider sind meine Wirkungsmöglichkeiten heute aus Alters- und Gesundheitsgründen sehr eingeschränkt. Aber hinter dem Kampf für ein bedingungsloses Grundeinkommen stehe ich bedingungslos.

Mit besten Grüssen und Wünschen, X.Y. (Name der Redaktion bekannt)

 

 


MUTTER, BACH UND GRÜN

 

Emil Schneuwly

 

1

Der Bach und das Grün sind weich und warm;

es ist das Feine, das Nahen, das Fliehen, das Glühn;

auch haben es die Steine, sie sind glatt und fest,

von der Zeit gezeichnet, vom Wasser geleckt.

Es haben sich die jungen Buchen und die Tannen gereckt.

Es ist wie normal. –

Die Hölzer duften, die Gräser, die Wälder auch;

wir Menschen sind ein Hauch dem ewigen Treiben im Bauch.

Was ist das schon? Noch gibt es liebe und flotte Leute.

So leben wir einmal und dürfen uns freuen,

einander zu kennen, einander zu haben.

Wir schützen die grossen Gaben

und wir wollen die Gedanken streuen,

die das Liebe, das Gute, die Ruhe, die Kunst

begleiten und verbreiten,

und wir wollen einander haben! Das Leben, das Beben.

 

2

Jetzt kommst du, Mutter, hast die Natur erkannt,

das Weiche des Wassers, das Zähe im Holze,

das Zuverlässige im ewigen Stein,

die Zartheit der Pflanzen, die Frische in der Luft,

du bevorzugst der warmen Brote Duft,

echte Fröhlichkeit, Trauben und Kartoffeln,

Freundschaft und Anmut gleichsam schmecken

und beim Tischedecken und davor

war das Umarmen die zweite Freude –,

in Liebe: Die erste war das Wiedersehn.

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