Frisch läuft nicht

Oswald Sigg

Am Postschalter. Auf meine Frage nach A-Post-Briefmarken und ob sie vielleicht auch etwas Besonderes hätte, zieht Frau K. die Wertzeichen-Mappe aus der Schublade und entnimmt ihr ein paar Bogen von Ein-Franken-Marken mit neuen Sujets.

Da wären einmal die mit den Blüemli, die lösen die Vögeli-Serie ab, sagt sie etwas gequält. Die Blüemli seien, würden viele reklamieren, nicht besonders gelungen. Aber sie sind wenigstens selbstklebend. Und da haben wir noch den Frisch, „aber dä wott niemer, ou wenn er früsch isch“, sagt sie in ihrem schönen Oberaargauer Dialekt. Ja, aber selbst dieser blasse Hornbrillenträger sei halt mit 100 Jahren nicht mehr so frisch, sage ich. Sie lächelt. Die Blüemli wären wenigstens noch farbig, aber der Frisch da sei nur gerade grau in grau. Und erst noch kein Selbstkleber. Fürchterlich.

Ich kaufe dann zwei Bogen mit Blüemli- und einen Bogen mit Frisch-Marken. Es gibt doch auch Adressatinnen, die noch immer ein Verhältnis zu Frisch haben. Meine Tochter zum Beispiel, die am Gymnasium seinerzeit eine fundamentale Abhandlung mit dem Titel „Max Frisch und die Frauen“ geschrieben hatte, lang bevor das Schrei-ben über Frisch ein Modetrend wurde. Die Post für meine Tochter wird fortan mit dem Frisch freigemacht.

Auch in den Buchhandlungen liegen Frisch-Produkte auf, in der Nähe der Kasse. Ich kaufe keines davon. Eigentlich geht mir die Marke Frisch seit genau vierzig Jahren auf den Wecker. Damals bekam ich als Aushilfs-Redaktor der „Zeitschrift Neutralität“ von deren Gründer und Herausgeber, Paul Ignaz Vogel, den Auftrag, Frisch’s „Wilhelm Tell für die Schule“ zu rezensieren. Mit einem kleinen „Schulbuch“, so die begeisterte Gemeinde der Literaturkritiker, zerriss Frisch das klassische Drama von Friedrich Schiller auf nur gerade 96 locker bedruckten Seiten. Die Lektüre des Suhrkamp-Bändchens, 1971 erschienen, liess mich ratlos zurück. Tell: ein verklemmter Meuchelmörder. Gessler: ein kränklicher und gutmütiger Mensch. Die Eidgenossen: inzüchtige Hinterwäldler. Meinen Feuchtstellen hinter den Ohren war es wohl zuzuschreiben, wenn mir der Frisch’sche Tell nur als schmalbrüstige, verunglückte Persiflage vorkommen wollte. Die verwirrliche Geschichte wies aktuelle Bezüge etwa zum damaligen Nationalismus, zum Landesverteidigungs-Kult oder zum palästinensischen Terrorismus in Fussnoten auf. Und einmal konstruierte er gar eine heile Schweiz in der braunen Zeit, unter der Voraussetzung, dass Geschichte nur mündlich überliefert werde: „… so gäbe es in der Schweiz von 1933 bis 1945 keine hitler-freundlichen Grossbürger und Offiziere …“. Nun ja, wie manch einer hatte auch Soldat Frisch etwas gegen die Offiziere, aber ein Grossbürger war er allemal. Seine „Blätter aus dem Brotsack“ hingegen, die hatten es mir angetan, damals, als ich die Rekrutenschule absolvierte. „Unser Korporal ist ein Maurer, untertänig wie ein Neger ….“ – da schrieb einer mit Aktivdienst-Erfahrung und ich konnte mich damit in der Gebirgsinfanterie-Rekrutenschule 1964 in Andermatt besser zurechtfinden. Denn der Korporal, er war noch immer im Dienst, schien mir.

Aber zurück zum „Wilhelm Tell“. Ich schrieb Max Frisch einen kleinen Brief mit der Frage, weshalb sein „Tell“ nicht anders, nicht irgendwie politischer gehalten sei. Nach fünf Wochen lag ein absenderloser Brief im Kasten. Poststempel: Berzona TI. Des Meisters Antwort war ernüchternd. Verstehe man einen literarischen Text nicht, liege das nicht am Autor, sondern meistens an einem selbst. Aber ich sei wohl auch sonst in solchen Dingen ziemlich unbedarft. Mit freundlichen Grüssen. Tiefe Enttäuschung. Etwas Zitierfähiges hatte ich erwartet. Und nun das. Es war der Beginn meiner dauerhaften Ablehnung des Nationalschriftstellers, die bis vor kurzem anhielt. Bis zum vorletzten Montag, als mir Frau K. eröffnete: den Frisch will niemand mehr. Arroganz macht sich einfach nicht bezahlt, war mein versöhnlicher Gedanke, als ich zum Trotz den Zehner-Bogen voll gräulicher Frisch-Köpfe erstand.

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