Sprache der Mächtigen

Paul Ignaz Vogel

Sprache wird gesprochen. Verstanden – oder eben nicht verstanden. Wenn das zweitere der Fall ist, braucht es temporär eine Übersetzung oder langfristig eine Schulung in der noch fremden Sprache – um die neue Zweitsprache zu  sprechen und zu verstehen.

Sprache ist, wie das Kriegen, aus einem Territorium entstanden. Immer agressiv und beherrschend, zwingt Sprache die andere, nicht-so-sprechende Person eine Unterwerfung auf. Wir nennen das dann Integration durch Sprache in einem Zwangssystem des sich Anpassen-Müssens – oder des wieder Fortgehens. Die globale Sprache heute ist das Englische, die Sprache des neoliberalen Kolonialismus. Sie hat alle unsere Lebens-Bereiche erfasst, von der Informatik über das Geschäftsleben bis zur Schule. Die schweizerische Stadt Bern nennt ihr Informatikprogramm „base4kids“.

Definitionsmacht

Sprache auch Mittel der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Bevölkerungsgruppen der Erwerbslosen und Minderbemittelten werden in der Umgangssprache stigmatisiert, das heisst mit einem Voraussetzungen erfüllenden Etikett versehen. Wir erleben das als Phänomen der Definitionsmacht. Die Mächtigen definieren, wie die weniger Mächtigen anzusprechen sind, was sie zu tun haben. Dahinter versteckt sich ein subtiles Ausgrenzungsprogramm, das während der jahrzehntelangen pausenlosen neoliberalen Propaganda durch die Massenmedien und die Politik bestimmt worden ist. Wir sind einfach in etwas hineingerutscht und haben die klare Sicht der Dinge verloren.

Strategien mit Kommando

Aber auch wir selbst sind Opfer dieser Entwicklung geworden. So sprechen wir von „Strategien im Kampf gegen die Armut“, die es zu entwickeln gilt. Damit geben wir uns als Besserwisser zu erkennen und erheben einen bemerkenswerten Führungsanspruch. Dadurch haben wir auch die Sprachregelung des neoliberalen Wirtschaftens übernommen, in der alles Kampf und Krieg ums Gewinnen, den Gewinn ist und es nur so von Führungskräften und KommandantIinnen wimmelt. Wer Strategien entwickelt, befindet sich selbst im Anspruch auf eine Führungsposition, weiss besser, was zu tun ist, als die anderen, die dummen Entmündigten. Und befindet sich im Krieg gegen einen Gegner, den es zu bezwingen gilt. Eine ungemütliche Situation, ohne viel Gefolgschaft und Nachfrage für Hilfe bei den Betroffenen, in den Kampf gegen eine Übermacht zu ziehen.

Unter Zwang

Die Menschen „da unten“, die Minderbemittelten und Entrechteten, sprechen auch ihre Sprache und haben ihre Kultur. Sie erleben Mangel und Entbehrung nicht als eine Situation mit der Chiffre der Ausgrenzenden, als so genannte Armut, sondern als Last, als Ungerechtigkeit. Denn sie haben jede Wahlmöglichkeit, die Freiheit eines Entscheidens verloren. Für sie gilt, mit dem Vorlieb zu nehmen, was es gibt: „Vogel friss oder stirb“. Es bedeutet, ungewollt und unter Zwang in einer bevormundeten Verwaltunsgsituation zu leben. Was die Bemittelten und Reichen „Armut“ nennen, das kommt schlicht als Unfreiheit daher, selbst entscheiden zu können. Als Mangel an sozialer Gerechtigkeit. Das ist das Phänomen, das es zu begreifen und zu verstehen gilt, bevor „Strategien zur Bekämpfung der Armut“ von teils Mächtigen entworfen werden. Mit den Entrechteten sprechen, und sie zu Worte kommen lassen, das will der Mediendienst Hälfte / Motié mit seiner Serie von Porträts von Menschen in einer solch ausgegrenzten Situation.



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