Allein erziehende Mutter mit fünf Kindern

Paul Ignaz Vogel

Das Leben für allein erziehende Mütter und Väter ist sehr schwer. Zu den alltäglichen, von der Gesellschaft als selbstverständlich empfundenen Lasten gesellen sich Phänomene wie die Ausgrenzung. Nicht-Teilhaben-Können, die Zweitrangigkeit, weil keine Minute Zeit mehr übrig bleibt im Tagesablauf. Darunter leiden die allein Erziehenden besonders. Doch auch sie kümmern sich ebenso intensiv wie alle andern Eltern um den Nachwuchs, unsere Fortpflanzung. 

Auf dem Weg zu Dora Zwahlen (Pseudonym) riecht es nach Alpen-Heublumen. Ein Gebirgsbach rauscht von ferne. Dora (47) empfängt mich, das Nesthäkchen auf dem Arm. Sie ist allein erziehende Mutter für fünf Kinder. Beim Gespräch nimmt die schlanke und attraktive Frau am Tisch den Platz des Familienvorstandes ein. Der schmähliche Abgang des Vaters des jüngsten Kindes – nach der Schwangerschaft -  ist für sie schwer zu überwinden. Dora wird  von ihren elterlichen Pflichten fast erdrückt. Jeden Tag, sieben Mal in der Woche, jahrein, jahraus für die Betreuung, Erziehung und den Haushalt einer sechsköpfigen Familie da zu sein. „Ich kann es mir gar nicht leisten, krank zu sein“, meint sie trocken. Und: „Um 21 Uhr lege ich mich jeweils wie tot ins Bett“.

Laufbahn einer jungen Frau

Aufgewachsen ist Dora im schweizerischen Mittelland. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte sie ein Welschlandjahr und darauf erfolgreich eine Lehre als Saaltochter. Sodann begann sie im Service zu arbeiten. Während fast zehn Jahren war sie während jeweils etwa 7 Monaten in der Gastronomie berufstätig, in den restlichen Monaten des Jahres reiste sie mit dem Ersparten in der ganzen Welt umher. Den Mut, definitiv auszuwandern fand sie schliesslich nicht. Es folgte die Verheiratung in der Schweiz, die ersten beiden Kinder kamen zur Welt. Nach der Scheidung wagte sie sich an eine Zweitausbildung in der Pflege. Um dort weiter zu kommen, hätte sie ein einjähriges Praktikum in einem Spital ohne Lohn durchführen müssen. Was für sie als allein erziehende Mutter ohne reichen Partner gar nicht in Frage kam. Womit die Bildungsbarriere gesenkt war. In Putzinstituten und in anderen Dienstleistungsbetrieben bis zu einer alternativen Sicherheitsfirma fand sie weitere spärliche Einkommen. Nach der Geburt des dritten Kindes musste sie aufgeben und sich nur der Kinderbetreuung widmen.

Organisationstalent

Das Einkommen der sechsköpfigen Familie setzt sich aus den geschuldeten Alimenten (z.T. in Bevorschussung) und der Sozialhilfe als Ergänzung zusammen. Vieles wird in der dörflichen Gemeinschaft unentgeltlich in Nachbarschaftshilfe geleistet. Im Garten des Hausumschwunges betreibt Dora Selbstversorgung. Angebote zur Schwarzarbeit im Putzen und im Service lehnt sie konstant ab. Sie findet es jedoch widerlich, wenn sie sehen muss, wie ihre verheirateten Kolleginnen im Dorf dies unbekümmert tun – und niemand schaut ihnen so sehr auf die Finger wie dies bei Sozialhilfe Beziehenden geschieht. Transparenz also nur für die Schwachen und Benachteiligten. 

Diskriminierungen und Integration

Sobald ihr Jüngstes grösser ist, möchte sie wieder berufstätig werden um der Sozialhilfe und ihrem Überwachungssystem zu entkommen. Freiheit hat sehr viel mit Menschenwürde zu tun, auch für Dora. Sie leidet darunter, wie zum Beispiel bei Schulanlässen die allein Erziehenden sich zusammen scharen, auf anderen Seite stehen die Eltern mit Paarbeziehungen. Aber es wirken auch integrative Kräfte : In diesem Jahr wird Doras Familie von der Schweizer Reisekasse Reka zu einer Woche Gratisferien eingeladen. Und in den Reka-Ferienzentren werden Paarfamilien und Ein-Elternfamilien gleich behandelt. 

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