Wenn alles schwieriger ist

Paul Ignaz Vogel

Die angeborene Einschränkung einer Arbeitenden in der beruflichen Leistungs­fähigkeit wird erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Die Invalidenversiche­rung (IV) verweigert Leistung und Hilfe. Das Leiden in der andauern­den Über­forderung wird erst kleiner, als sich der Sozialdienst der Betroffenen mit Hilfe und Verständnis annimmt.   

Nicole Gaillards (41, Pseudonym) Eltern wollten auswandern. Kritisch waren sie im­mer gegen­über der Schweiz gewesen, so zogen sie nach Algerien, brachen den Versuch jedoch nach 15 Monaten ab. Zu­rück im eigenen Land zügelten sie oft. Der Vater, Informatiker, ein gesuchter Spezialist, konnte sich die vielen Stellenwechsel leisten. Nicole leidet seit ihrer Schulzeit unter noch nicht diagnostizierter ADHS (Auf­merksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung). „Gute Noten, viel geträumt, viel verges­sen, nicht inte­griert“, das ist ihr Fazit zur Schulzeit. Sie schliesst die Ausbildung als Laborantin ab. An ihrer ersten Stelle kann sie sich zwei Jahre halten. Reizbarkeit, Vergesslichkeit, Fehler wer­den ihr angelastet, sie wird gemobbt. Dann folgt 1994 die Kündigung und die Arbeitslosigkeit. Sie ist zu langsam für die immer schnelle­ren Ar­beitsprozesse. Sie findet wieder Stellen, doch es folgt der Drehtüreffekt. Kündigung, wieder stel­lenlos. Und so weiter.

Invalidenversicherung (IV) kneift

Im Jahr 2007 stellt der Arzt die eindeutige Diagnose auf ADHS. Doch die IV anerkennt diesen Tat­bestand nicht und bezichtigt Nicole der Faulheit. Sie solle sich zusammenreissen, denn sie sei zu 100% arbeitsfähig. Der Sozialdienst ihrer Gemeinde ist hingegen fair und füllt die Lücke der Betreuung, auf welche Nicole Anspruch hat. „Irgendwie brau­che ich Ruhe, ich mag nicht mehr“, sagt sie heute. Sie arbeitet zu 40% in der ge­schützten Werkstatt eines Textilateliers. Das Hand­werkliche liegt ihr. Zu 10% leistet sie abends Putzdienst in einem Büro der Gemeinde, und zu 20% ar­beitet sie auf ei­nem Bio-Bauernhof. Sie ist im Haushalt tätig, hat Freude an den Tieren und füttert auch die zutraulichen Hühner. So ist sie zu 70% werktätig. Sie bezieht ihren Lohn, der Sozialdienst rechnet ab und kommt für das Zusätzliche auf. Nicole ist zufrieden mit der sozialen Arbeit ihres Ge­meinwesens, von der sie als Benachteiligte profitieren kann. Sie sagt: „Die Sozialhilfe hat das übernom­men, was die IV hätte ma­chen sol­len.“   

Gesund leben 

Stetigkeit und Strukturen fördern Nicoles Gesundheit. Sie lebt in einer bescheidenen 11/2-Zimmerwohnung, um 6 Uhr steht sie auf und geht spätestens um 22 Uhr zu Bett. Mit ihrem knappen Budget muss sie auf Vieles verzichten, auf Kinobesuche, das Essen im Restaurant. Sie macht wenig Ferien und geht nur auf Reisen. Kurse besucht sie, wenn sie kostenlos sind. Kleider kauft sie günstig ein. Beim Essen achtet sie jedoch auf eine gesunde Ernährung, so kocht sie zum Beispiel gerne Vollkornreis mit roten Lin­sen, etwas Hack­fleisch dazu. Sie trinkt keinen Wein, sondern Schwarz- oder Kräu­tertee, auch viel Wasser. „Irgendwie fühle ich mich glücklicher als damals in der Dauerstelle, wo ich gemobbt wurde“, hält Nicole fest.  

Lernen und Kommunizieren

Nicole liest viel über ADHS, recherchiert darüber im Internet und informiert sich so. Sie beteiligt sich offen an Foren, wo sie sich auch kostenlos mit ebenfalls Betroffenen verständnisvoll austauscht. Sie spürt in der realen Gesellschaft viel Druck, Unver­ständnis, den stetigen stillen Vorwurf, sie könnte es doch anders machen als sie es tut. Wenn sie sich bloss anstrengen würde …  Doch Nicoles Eltern sind zum Glück sehr verständnisvoll. Die Mutter ist stolz auf ihre Tochter, dass diese ihren Weg ge­funden hat.

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