Arbeit ist sein Leben

Henriette Kläy

Menschen brauchen Arbeit. Genau so wie Essen und Trinken. Um nicht zu verhungern und zu verdursten verrichten sie jede Arbeit, auch zu miserablen Bedingungen. Umso infamer ist die Behauptung, jeder finde Arbeit, wenn er nur wolle. Das Beispiel eines afghanischen Flüchtlings.

Ich bin wieder einmal bei den Azaads eingeladen, wir sind inzwischen gute Freunde geworden. Frau Azaad ist heute gelöst und fröhlich, wir lachen und scherzen und sie sprüht vor Lebendigkeit. „Gegen Lachen hat Allah nichts einzuwenden, im Gegenteil, dann muss er selber lachen“, sagt sie vergnügt. Gegen neun Uhr ruft Herr Azaad an: sein Chef habe ihn zu spät abgesetzt, er habe die Bahn um drei Minuten verpasst. Die Nächste geht in einer Stunde, deshalb hole ich ihn mit dem Auto ab. Er steht frierend am Strassenrand. 

Endlich Arbeit 

Herr Azaad hat endlich Arbeit: Wohnungsendreinigungen auf Abruf, bis zu 12 Stunden harte körperliche Arbeit. Der Lohn geht direkt ans Sozialamt, aber das ist ihm egal, Hauptsache, er kann etwas tun. Er habe schon als Kind immer gearbeitet, er könne alles. Seit er hier ist, besucht er Deutschkurse, nur wolle die Sprache einfach nicht in seinem Kopf bleiben, das sei sehr entmutigend. Im Empfangslager habe er sich selbständig um all die unerledigten Arbeiten gekümmert, für die das reduzierte Personal keine Zeit hatte. Schliesslich habe ihm die Leiterin sogar die Aufgaben des Controllers und Ansprechpartners für die Bewohner übertragen – unbezahlt, aber ein Vertrauensjob bei all den Wertgegenständen im Haus, sagt er stolz. 

Aber leider die falsche 

Ursprünglich habe er Schneider gelernt, sagt er und Frau Azaad zeigt mir ein paar reich bestickte Kleider, die er für sie genäht hat. Das lange Sitzen und gebückte Arbeiten haben seinem Rücken nicht gut getan, darum gab er diesen Beruf auf. Er habe dann eine Baufirma aufgezogen, die er mit Erfolg managte, wobei er dabei den Rücken schonen konnte. Den habe er sich auf dem langen Marsch über die Berge kaputt gemacht, weil er einen Rucksack und die 6-jährige Tochter auf den Schultern trug. Trotz einem hiesigen Arztzeugnis gebe man ihm aber nur harte, körperliche Arbeit, welche immer schlimmere Schmerzen verursachen würde. Frau Azaad sagt: „Wenn du fliehen musst, nimmst du nur das Wichtigste mit. Wenn du am Meer ankommst und ins Boot steigen willst, musst du zuerst alles, was du auf dem langen Fussmarsch nicht schon verloren hast, abgeben. Trotz den 10'000 $ pro Kopf, die du schon bezahlt hast. Und was du vielleicht noch verstecken konntest, das wird dann von den Wellen weggespült“. Sie zeigt es mit den Händen, weil sie das Wort Wellen nicht kennt. Das Lachen ist uns vergangen. Als sie endlich eine Wohnung zugewiesen bekamen, begann die aufreibende Suche nach Arbeit. Keiner will AusländerInnen, nicht einmal bereits etablierte EinwandererInnen. Doch Herr Azaad hat beste Referenzen und bekommt hin und wieder eine Zusage, was einem Wunder gleichkommt. Die wird jedoch von der Coacherin sofort abgesagt, weil der richtige Ausweis nicht kommt. Das macht ihn krank. Frau Azaad erzählt von seinen depressiven Schwächeanfällen, manchmal könne er nicht mehr stehen, falle plötzlich um, und nachts schrecke er so heftig aus schlimmen Albträumen auf, dass sie alle erwachen würden. 

Bittere Zwischenbilanz 

Obschon die Azaads glücklich sind, in der Schweiz zu sein, sind sie auch zutiefst enttäuscht. Frau Azaad hat hier die Ausbildung zur Kleinkinderbetreuerin gemacht, wird aber nur zwei halbe Tage beschäftigt und wie ein Dienstmädchen behandelt, auch von den Müttern. Sie  wurde schon mehrmals öffentlich angegriffen: sie nehme hier die Arbeit weg. Die Ungewissheit, ob sie bleiben können oder nicht, bringt sie fast um, denn zurück können sie nicht – zuhause warten die Mörder. Sie können mir noch immer nicht erzählen, was sie erlebt haben, es sei viel zu schrecklich. Ich hoffe sehr, sie halten durch.

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: