Armut als Erbe

Henriette Kläy

Nicht immer braucht es eine tragische Kindheit oder vernichtende Schicksalsschläge, um in Armut zu geraten. Sehr oft reichen unspektakuläre widrige Umstände, um im Tretrad der Bürokratie ins Nirgendwo zu gelangen. Arm geboren, arm geblieben.

Julia Bach (Pseudonym) kam als jüngstes von 4 Kindern in einem kleinen Weiler zur Welt. Die Eltern wurden geschieden, als sie drei Jahre alt war. Die Mutter arbeitete hart, um die Familie durchzubringen. Ihr einziger Spielgefährte war der zweitjüngste Bruder, allerdings nur, wenn er wollte, und nur für Bubenspiele.

Von Anfang an eine Aussenseiterin

Zu dieser Zeit waren alleinerziehende Frauen noch in keinster Weise akzeptiert, vor allem auf dem Land. Dazu kam noch, dass die Mutter nach und nach alkoholkrank wurde. Die Gehässigkeiten der Dorfbewohner bekamen die Kinder in der Gesamtschule leider auch zu spüren. Die Familie war arm, was die Kinder sich wünschten, mussten sie sich selber erarbeiten. So lernte Julia schon früh, auf sich selber gestellt zu sein.

Ausgebremster Start
 
Julia wählte eine Lehre als Floristin. Es war ein Schock, als sie kurz vor dem Lehrab­schluss die Kündigung erhielt. Doch Sie konnte ihre Abschlussprüfung in einer anderen Lehrstelle machen, wo sie anschliessend als Volontärin arbeitete, weil sie keine bezahlte Stelle fand. Sie rechnete damit, fest angestellt zu werden, erhielt aber wieder eine Kündi­gung: Die erste Runde auf dem RAV dauerte etwa ein halbes Jahr. Da sie auf ihrem Beruf nichts fand, arbeitete sie als Verkäuferin. Der Job überforderte sie kräftemässig, und so kündigte sie nach einem Jahr – mit fatalen Folgen auf dem RAV.

Frau schlägt sich durch

Mit 20 zog sie in eine Wohngemeinschaft, wo sie ihren ersten Mann kennenlernte. Inzwi­schen arbeitete sie im Service, und als das erste Kind kam, noch in Teilzeitarbeit, bis der Betrieb Konkurs machte. Bei der Geburt des zweiten Kindes gab es Komplikationen, viele Abklärungen und Operationen wurden notwendig. Das Ehepaar entfremdete sich, und es folgte ein hässlicher Scheidungskrieg. Der Mann kündigte seine Arbeit, so dass Julia prak­tisch keine Alimente erhielt und gänzlich auf die Sozialhilfe angewiesen war.

Sozialhilfe und keine Ende

Seit ein paar Jahren arbeitet Julia in Call-Centern, eine Fronarbeit: auf der einen Seite die erwarteten Abschlussquoten, auf der anderen Seite die wütenden Angerufenen. Der Lohn eines 40%-Jobs, der Zeitaufwand doppelt so viel, der psychische Druck einer Dampf­presse. Auch das Sozialamt setzt „Zielvereinbarungen“: Mit andern Worten: ständiges Be­werben. Absagen kassieren – Hoffnung und Enttäuschung, Diskutieren, Ducken, Ersu­chen, Erfüllen, Erklären, Einstecken – dazu das Organisieren eines Haushalts und Erzie­hen von zwei Töchtern, denen man nebst allem anderen beibringen muss, dass sie nicht all das haben können, was die SchulkameradInnen haben.

Julia ist es gewohnt, sich durchzuschlagen. Sie gibt sich stark und lächelt. Aber es braucht bald einmal ein Wunder, das sie aus der kräftezehrenden Tretmühle herausholt – ein Wunder wie eine gutbezahlte, nicht zu weit entfernte Arbeitsstelle in einem angenehmen Klima. Weiter nichts.                                      

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