Die Asylbewerberin Nr. 32 659 313 (II)

Oswald Sigg

Nach über siebenjährigem Verfahren und 20 Monaten Unterbringung in Zentren für abgewiesene oder auszuschaffende Asylbewerber wird die inzwischen un­ter mehreren Krankheiten leidende Asylsuchende AB aus dem afrikanischen C nach einem Antrag um Aufnahme aus humanitären Gründen vorläufig in der Schweiz aufgenommen (Ausweis F).  

Schlechte Erinnerungen verbindet die ehemalige Asylbewerberin mit dem soge­nannten Sachabgabezentrum, wo sie nach der letztinstanzlichen Ablehnung ihres Asylgesuchs untergebracht war. Jeden Morgen, wenn sie durchs Fenster schaute beim Zähne putzen, standen sie schon wieder draußen: die Polizisten mit dem Kas­tenwagen bereit, um einen ausreisefälligen Abgewiesenen abzuholen. Geschrei und Weinen im Haus. 

Zwei Quadratmeter pro Person 

Sie lebte in ständiger Angst, die nächste zu sein. Tagsüber, beim Arbeiten in der Waschküche – pro Arbeitstag gab es einen Gutschein für CHF 2.50 – konnte sie sich nicht erholen. Die Insassen bekamen keinen Rappen Bargeld, nur Coupons. Sie halfen sich selbst mit stehlen und dealen. Im TV-Raum wurde AB Zeugin eines tödli­chen Streits zwischen zwei Insassen. Unter diesem Schock leidet sie noch heute. Mit dem Ausweis F verbrachte man sie dann in ein anderes Zentrum (unterirdische Zivil­schutzanlage) in der nahen Stadt. „Dort war es aber noch schlimmer“ sagt sie. Die Anlage wurde von uniformierten Zivilschützern betrieben. Sie musste einen kleinen Raum mit einem Dutzend anderer Frauen teilen. 2 m2 pro Person. Hier drin konnte man sich kaum bewegen, die künstliche Belüftung lief ununterbrochen, es stank, die ganze Nacht hindurch wurde laut gesprochen. Selbst Medikamente und Ohren­pfropfen nützten nichts:  AB konnte nicht schlafen. Wie nennt man das, fragt sie heute, wenn man Leute so zusammenpfercht? Folter, denke ich nur. Um dem Ge­fängnis zu entrinnen gab es eine Lösung: sie musste irgendeine andere Bleibe fin­den. Während Mo­naten suchte sie. Die Immobilienagenten schauten sie an und ver­langten einen lau­fenden Arbeitsvertrag. Mit dem Hinweis, dass die Wohnung vom Sozialdienst bezahlt würde, war sie chancenlos. Ein ungewöhnlich freundlicher Woh­nungsvermittler war hingegen sofort mit der Sozialdienst-Garantie einverstanden, reservierte ihr die frei werdende Wohnung und lud sie zur Besichtigung ein. Die Be­wohnerinnen im herun­tergekommenen Mehrfamilienhaus waren Sexarbeiterinnen – es war ein Bordell. Endlich fand sie dann eine kleine Wohnung in einer größeren Überbauung aus den sechziger Jahren an einer stark befahrenen Strasse. 

Kirchen sollen bezahlen 

Eine freundliche Wohnung mit Balkon, kleiner Wohnküche, Wohnzimmer, Schlaf­zimmer und mit neuwertigen Möbel eingerichtet. Wie hat sie das auf einmal ge­schafft? AB erzählt, dass die Vorgängerin eine Bekannte aus Afrika war, die, als sie schwanger wurde, zu ihren Eltern in die Nähe zog. Sie überließ ihr die Wohnung samt Mobiliar zum Freundschaftspreis und empfahl sie bei der Immo-Agentur. Sie hatte Glück und bekam ihre langersehnten vier Wände. Der Sozialdienst bezahlt ihr vorderhand die Miete, nicht jedoch die für etwas über 2‘000 Franken übernomme­nen, fast neuwertigen Möbel. Als offizielle Lieferanten kommen nur die Heilsarmee und Otto’s Warenposten gegen Quittung in Frage. Mit der offenen Rech­nung schickte man sie „zu den Kirchen“ – dort werde man ihr sicher helfen. AB will aber nicht „in die Kirchen“ betteln gehen. Sie verschuldet sich und wird den Rech­nungsbetrag ab­stot­tern. Gesundheitlich geht es AB heute besser. Sie ist angemeldet für ein Ausbil­dungsprogramm und freut sich darauf. Sie möchte gerne in der Uhren­bran­che arbei­ten. Und zwar möglichst bald. Denn in einem knappen Jahr wird ihr älterer Sohn volljährig. Dann wäre es zu spät, um beide Kinder nach 12 Jahren Tren­nung aus Af­rika in die Schweiz zu holen. Das wäre ihr sehnlichster Wunsch. Und – sagt sie nochmals – ich möchte endlich jeden Tag arbeiten können. Die Langeweile, das Nichtstun ist etwas vom Schlimmsten. „Ich möchte wirklich arbeiten und ein nor­males Leben führen dürfen“ sagt sie. 

Und das wäre ihr nicht nur zu gönnen. Sie erlebte bis jetzt nur die unordentliche, un­soziale und ungerechte Seite und deshalb hat AB aus C das Recht erworben, auch die gute Seite der Schweiz kennen zu lernen.  

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