Ausgebeutet in Afrika, betrogen in der Schweiz

Oswald Sigg

Wo er herkommt, kennt man nur die Regierungs- und die Oppositionspartei. Als Oppositi­ons­politiker musste er die Flucht ergreifen und es ist wohl kein Zufall, dass er die demokra­tische Schweiz als Exil gewählt hat. Bedächtig schildert der Mann, nennen wir ihn Yao Abole, das Los der kleinen Bauern in seinem Hei­matland in Afrika.

Sie pflanzen Getreide oder Baumwolle an mit veralteten Methoden. Und sie ver­wenden chemischen Dünger, den sie mit staatlichen Krediten von den multinationalen Roh­stoffhänd­lern bekommen. Es sind auch diese „Multis“, die den Preis ihrer Ernten bestimmen. Dem Klima aus­gesetzt und ohne Bewässerung erzielen sie Missernten und können die Kredite nicht bezahlen. Sie verschulden sich. Wer dem Staat Geld schuldet, wandert ins Gefängnis. Viele Bau­ern flüchten vor der Polizei ins Nachbarland, in die grosse Stadt, wo sie in einer riesigen Masse von Arbeitslosen untertau­chen. Die soziale und solidarische Gesellschaft zerfällt. „C’est la misère“, sagt er langsam.

An der Universität von Kharkow in der damaligen Sowjetunion zum Ingenieur-Agronom ausgebil­det, will er dieses System ändern. Er zeigt den Bauern in seiner Region, wie man mit Monokulturen und dem Anbau von Gemüse bessere Erträge erzielt. Statt nur für den Export zu produzieren, sol­len die Bauern zuerst einmal für sich selbst und ihre Familien sorgen können. Er engagiert sich auch in der Politik, als Wahlkandidat der Oppositionspartei. Man wirft ihn ins Gefängnis. Er hat Glück und kann fliehen. Andere Parteigenossen werden umgebracht. Über ein Nachbarland ge­langt er 2005 in die Schweiz.

Gratis arbeiten

In Vallorbe beantragt er politisches Asyl. Das erhält er nach sieben Monaten. Später folgen ihm seine Frau und seine fünf Kinder. Gelegentlich verdingt  er sich bei hiesigen Bauern und hilft ihnen bei der Ernte. Ein Hilfswerk vermittelt diese Arbeiten. Der Bauer bezahlt dem Hilfswerk 12 Franken pro Mann­stunde. Davon erhält Yao vier Franken. Eine landwirtschaftliche Fachhochschule enga­giert ihn, den studierten Agronomen, für ein Projekt. Nach Abschluss des Projekts gebe es viel­leicht eine Stelle für ihn. Fünf Monate lang arbeitet er gratis. Nach dem Projekt-Abschluss bedauert die Schulleitung: es gebe leider noch acht andere Anwärter auf die freie Stelle.

Arbeit suchen

Er und seine Familie werden heute vom Sozialamt der Wohngemeinde mit 1‘800 Franken monat­lich unterstützt. Seit fünf Jahren sucht er Arbeit. Seine Frau seit vier Jahren. Die beiden älteren Töchter mit abgeschlossener Pflegefachlehre wollten sich am Gymnasium auf die Matura vorbe­reiten, um danach an einer Universität studieren zu können.  Der Übertritt ins Gymnasium wurde ihnen verwehrt. Auch sie suchen eine Arbeit.

Sein Hochschuldiplom aus der UdSSR wurde nicht anerkannt. Erst als er rekurrierte und  den Be­am­ten der Zulassungsstelle erklärte, dass die Ukraine die Kornkammer Europas sei und die Schweizer vermutlich nicht den Ackerbau erfunden hätten, kam man auf den Entscheid zurück.

Er bewirbt sich schriftlich. Er geht persönlich zu den Bauern. Dann folgen die Absagen. Und dann bewirbt er sich wieder. Irgendwie ist Yao dennoch zuversichtlich.  Man dürfe nur nicht nachlassen, sagt er.  Man müsse hoffen und kämpfen.  Schlimm wäre es erst, wenn die Kinder ihre Achtung vor den Eltern verlieren würden, sagt er noch.                                       



Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: