Nicht dazu gehörend

Paul Ignaz Vogel

Ein Mann aus einfachsten Verhältnissen verbrachte grosse Teile seiner Jugendzeit in Anstalten. Bei seiner Volljährigkeit wurde er administrativ verwahrt. Es folgten Jahre der rechtlosen Bestrafung. Während Jahrzehnten bezog er jedoch eine Invali­den-Rente (IV). Damit soll nun plötzlich Schluss sein. 

Der Vater von Hansjörg Klauser war Arbeiter und Alkoholiker. Er spielte zwischen­durch in einem Unterhaltungsorchester. Zu Hause gab es „obligato­risch Krach“, wie Hansjörg heute sagt. Mit acht Jahren wurde er 1961 ins Armenheim gebracht. Es folgten Latein lernen, Ministrant sein, Non­nen, Schläge. Hansjörg schlief in einem kleinen Kastenbett, das im Massenlager sein Da­heim sein sollte. 13-jährig kam er in ein Heim für Schwererziehbare. Der Lehrer attestierte: „Da er kräftig ist, kann er auf dem Bau arbeiten.“

Bauarbeiter

So suchte sich Hansjörg als Hilfsarbeiter auf dem Bau durchzubringen. Den Zahltag lieferte er stets zu Hause bei Vater und Mutter ab. Er durfte pro Monat Fr. 20.- als Sackgeld behalten. Quartalsalkoholismus war ein verzweifelter Ausweg. Tage nach einer solchen Sauferei wurde er be­wusstlos und fiel zu Boden. Die Ärzte di­agnostizierten Epilepsie anstatt einer Entzugser­scheinung. Erst viel später setzte ein neurologi­scher Facharzt eine sinnlose und schädigende Medikamentierung ersatzlos ab. Mit 18 Jahren stellte sich Hansjörg der militärischen Aushebung. Er wurde als dienst-untauglich erklärt. Einmal mehr fühlte er sich als nicht dazu gehörend. Hansjörg legte sich eines Tages mit dem schwer alkoholisierten Vater an. Dieser rief dem Arzt an. Hansjörg erhielt eine Spritze und wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

Administrativ verwahrt

Es folgte eine Amtsvormundschaft. 21-jährig wurde Hansjörg administrativ zuerst im landwirtschaftlichen Betrieb eines Gefängnisses im Kanton Thurgau verwahrt und war der Invalidenversicherung (IV) wegen Geburtsgebrechen unterstellt. Er musste in einer Gemeinschaft zwangsweise arbeiten, die zu 90% aus verurteilten Verbrechern bestand. Mehrmals flüchtete er und wurde wieder gefasst. Ein Onkel übernahm zeitweise die Vormundschaft, was zu einer leichten Besserung der Situation führte. Nachdem 1981 die administrative Verwahrung in der Schweiz ausser Kraft gesetzt worden war, kam Hansjörg zur Pflege und Nachbehandlung in die psychiatrische Klinik Kö­nigsfelden im Kanton Aargau. Dort ging es ihm besser.

Wächter mit Hund

Rasch lernte Hansjörg den Umgang mit Tieren und brachte es zum Hunde­führer. Zehn Jahre nach Beginn der administrativen Verwahrung wurde er aus der Vormundschaft entlassen und konnte einen Arbeitsvertrag mit einer Wachge­sell­schaft abschliessen. Damals war kalter Krieg. Hansjörg stieg auf, wurde uniformierter Berufssoldat und bewachte zusammen mit seinem Hund höchst geheime Armeeanlagen. Dazu gehörten Panzer und Fliegerabwehrsysteme. Plötzlich war der einst Verfemte im Rahmen einer sicherheitspolitischen Organisa­tion vertrauenswürdig geworden. Bewachen und überwacht wer­den war die Devise. Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor Hansjörg dann aber rasch solche Aufträge.

Prozess mit der IV

In jüngster Zeit hatte Hansjörg ein Zuhause in einem lateinamerikanischen Land ge­funden. Dort konnte er von seiner bescheidenen IV-Teilrente leben. Im Rahmen der eidgenössischen Sparmassnahmen wurde ihm diese bei einer kürzlich angeordneten Rückkehr in die Schweiz aberkannt. Hansjörg lebt nun von der Sozialhilfe in einem Bauerndorf. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes über den IV-Entscheid steht noch aus. Die IV-Berechtigung fällt in die rechtlose Zeit der Ver­wahrung.

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