Bauernsohn, Typograf, arbeitslos

Paul Ignaz Vogel

Ein Bauernsohn erlebt den Niedergang des väterlichen Landwirtschaftsbetriebes, lässt sich zum Schriftsetzer ausbilden. Im Beruf erfolgt bald der rasante technologische Umschwung. Das einst stolze Druckereigewerbe wird vom neoliberalen Preis- und Lohndumping zerstört. Die Folgen dieses Prozesses sind Arbeitslosigkeit und Entwurzelung.

Xavier stammt aus einer Bauernfamilie. Sein Vater bewirtschaftete als Pächter und Kleinlandwirt einen Betrieb mit Kühen, Schweinen, Pferden, Kälbern, Hühnern, Schafen, Ziegen und Kaninchen. Als eine neue Autobahn durch landwirtschaftliches Gebiet gezogen wurde und der Bauboom im stadtnahen Dorf einsetzte, gab der Vater den Betrieb auf und verdingte sich als Hilfsarbeiter in einer Fabrik im Nachbardorf.

Ausbildung zum Schriftsetzer  

Als Kind musste Xavier im väterlichen Betrieb mithelfen. Nach der Sekundarschule machte er in einer Grossdruckerei die Lehre als Schriftsetzer. Es folgten die ersten Arbeitsjahre, in denen noch mit Blei gesetzt wurde. Bald begann die rasante technologische Entwicklung, zuerst mit der Einführung des Lichtsatzes, des Fotosatzes mit abstrakten Befehlsketten, schliesslich mit Computer-Betriebssystemen. Langsam verleidete Xavier die Arbeit als Typograf mit stetigem technologischem Wandel. Als Bauernsohn hatte er das bisherige eher handwerklich orientierte Schriftsetzen geschätzt. Er versuchte den Ausstieg auf Raten und fügte in seinen Lebensplan Sabbatjahre ein.

Als Alphirt angestellt

So zog es Xavier in den Beruf zurück, den er als Kind in seiner Herkunftsfamilie miterlebt hatte. Er liess seinen «Typografen» beiseite und arbeitete viermal als Alphirt zur Sömmerung in den Bergen. Von zwei Landwirten im Unterland übernahm er die Bewirtschaftung und Obsorge von 30 Rindern und einer Kuh. Für seine Dienstleistung zwischen Ende Mai und Ende September erhielt er einen Barlohn von Fr. 4000.-. Es war ein mündlicher Vertrag mit Handschlag. Mit seinem Motorrad fuhr Xavier zum Einkaufen ins Tal. An den Wochenenden bekam er oft Besuch von Freunden aus dem Unterland; diese gingen wandern und Pilze sammeln. Geselligkeit war somit während der ganzen Sömmerungszeit gegeben. Xavier kannte das Metier des Landwirtes, er war kein Aussteiger. Noch als Alphirt wurde er in den Vorstand einer Gewerkschaftssektion der Druckereibranche berufen. Darauf kehrte Xavier wieder in den erlernten Beruf zurück und engagierte sich schliesslich in einem Betrieb.

Stelle als Typograf verloren

Nach langen Jahren der Bewährung musste diese Druckerei schliessen. Zu gross war die Konkurrenz geworden, welche mit Dumping-Preisen arbeitete. Mit Bitternis stellt Xavier fest: „Seitdem ich nicht mehr Typograf bin, habe ich mein Selbstwertgefühl verloren. Ich möchte arbeiten, kann mich aber nicht unterwerfen.“ Als Stellenloser lernte er die erniedrigende Situation und den totalen Leerlauf beim Besuch des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums kennen. Lakonisch äussert sich Xavier zum RAV: „Stillos, sinnlos, offenbar, wie Würde zerbricht.“

Absurditäten des Daseins

Xavier beschreibt seine neue Situation als entlohnter Stellensuchender (Arbeitslosenversicherung) folgendermassen: “Ohne Rhythmus, Tat, ist keine Bestätigung zu finden, mangelt’s am Auftrag, an Aufgabe, konstatierst gebeugt: Liegt fern die Leidenschaft, harzig bleibt die Anstrengung, frösteln tut der Tatendrang, brotloses Investieren erzeugt totes Engagement, lässt die Bereitschaft schwinden.“

                                                                                                                    

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