Briefträger am Limit

Paul Ignaz Vogel

Hälfte / Moitié, der unabhängige Mediendienst zur Arbeit und zur Erwerbslosigkeit hat das Thema der beruflichen Tätigkeit ein wenig vernachlässigt. Hier erwähnt sei darum ein aktuelles Beispiel von der Post AG. Auch dort ist der neoliberale Leistungsdruck in der Arbeitswelt von heute immer stärker geworden. Erhöhte Belastungen und Morbidität sind für die Arbeitenden die Folgen. 

Seit 9 Jahren arbeitet Fridolin Ambühl (39) als Post-Briefträger in einer Grossstadt der Schweiz. Im Laufe der Jahre mussten immer grössere Touren in der gleichen Arbeitszeit bewältigt werden, das Gewicht des zu verteilenden Materials nahm zu, namentlich bei den Zeitungen der beiden Grossverteiler Migros und Coop. Gelenke und Rücken spüren das zusehends und werden anfälllg für gesundheitliche Defizite. In seiner Briefzustellregion werden 140 KollegInnen beschäftigt. Davon sind 20-30 Personen langzeit krank und fallen im regulären Betriebsablauf aus. Ihre Arbeit muss von den Gesunden verrichtet werden.

Optimierungen

Die häufig auftretenden körperlichen und psychischen Erkrankungen haben ihren Grund im Gewinnstreben der Post AG. Kaizen ist die Betriebsphilosophie, mit der auch die Mitarbeitenden – alle gegen alle in steter Konkurrenz - den Ablauf steuern mit der Eingabe von selbst entdeckten Kniffen, Handgriffen und möglichst sparsamem Zeitbedarf. Die Methode zur kontinuierlichen Verbesserung stammt aus Japan, die Menschen werden zu Maschinen getrimmt. Die Personalzeitung der Post AG definiert das so: „ Kaizen bedeutet Veränderung (Kai) zum Besseren (Zen). Die internen Prozesse werden mit dieser Methode genauestens unter die Lupe genommen – die involvierten Mitarbeitenden selbst analysieren und bringen Vorschläge zur Verbesserung.“

Optimierungen also bis zum geht nicht mehr, bis zum psychischen Absturz der Einen, zum körperlich Zerfall der Anderen. Um Publikumskontakte möglichst abzuschaffen und die Rentabilisierung auf die Spitze zu treiben, wird eine strenge Rotation in den Touren eingeführt. Vorbei ist die Zeit, als die BriefträgerInnen ein Synonym für  Sozialkontakte waren - als die Post noch ein eidgenössischer Regiebetrieb war.

Überstunden

Ein Fass ohne Boden und ein Unternehmen ohne Zukunft scheint so die Post AG zu werden. Die 42-Stundenwoche erlaubt nach Arbeitsgesetz eine ausnahmsweise wöchentliche Beschäftigung von maximal 50 Stunden. Ambühl: „Es kann vorkommen, dass KollegInnen, die um 6 Uhr morgens ihre Tour begonnen haben, noch am späten Nachmittag in der Stadt unterwegs sind, da sie wegen unbewältigter Zusatzarbeit wegen den vielen kranken Mitarbeitenden mit dem Arbeitsvolumen einfach nicht durchkommen. Der Überschuss an unrechtmässigen Überstunden wird einfach nicht aufgeschrieben, sondern mit dem Teamleiter in einer mündlichen Vereinbarung abgegolten und irgendwo im System verrechnet.“

Ältere ArbeitnehmerInnen ins Abseits

Besonders schlimm sieht die Situation für langjährige Mitarbeitende aus, die über fünfzig Jahre alt sind. Ihnen wir in den steten Kontrollen vorgeworfen, sie seien nicht mehr so flink wie Junge. Auch sind natürlich ihre Löhne höher als Jugendliche, die sich einfacher ausbeuten lassen. Die Älteren werden an MitarbeiterInnengesprächen eingeschüchtert, um sie möglichst schnell loszuwerden. Auch sogenannte „einvernehmliche Kündigungsverträge“ bietet die Post AG gerne an. Das Recht auf ungekürzte Leistungen durch die Arbeitslosenversicherung wird so verspielt. Die Sozialhilfe kann dann zum Zug kommen. Ambühl ist Mitglied der Gewerkschaft syndicom. Er meint: „Zum Recht kommt man nur, wenn wir uns gemeinsam wehren und zusammen stehen. Wir brauchen Solidarität“. Die Post AG schüttete 2014 einen Gewinn von 638 Mio. Franken aus. Die Konkurrenz in der digitalen Kommunikation durchs Internet dient dem ehemaligen Monopolbetrieb in der Briefzustellung als Vorwand um die Mitarbeitenden zu mehr Leistungen bei gleichem Lohn zu hetzen.

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