Bundesfeierkrieg

Oswald Sigg

Lejla Boskovic (Pseudonym), Schweizerin, gut 50-Jährig, ausgebildete Pflegefachfrau, seit 15 Jahren chronisch krank, arbeitsunfähig und IV-Rentnerin, lebt mit Hund und Katze in einer kleinen Wohnung in der Vorortsgemeinde einer grösseren Stadt. Der Mittelstand wohnt hier, Familien mit Kindern, Vater Sanitätspolizist oder auch Gemeindebeamter, Mutter Hausfrau oder Teilzeitangestellte im Migros. Dazu aufstrebende Bankangestellte oder auch gesellige Grosseltern, stolz auf ihre Enkelkinder. Sie trifft man auf dem Spielplatz – das sind die Grünanlagen zwischen den Wohnblöcken. Sandhaufen, Grillplätze, Kinderturngeräte.  

Vom Balkon ihrer Hochparterre-Wohnung schaut Frau Boskovic eigentlich gerne ins Grüne, freut sich über die spielenden Kinder. Aber manchmal bekommt sie hier auch einiges zu hören. Gelegentlich lassen erwachsene Männer abends schon mal die Sau raus, sobald das Bier zu wirken beginnt. Zoten über einsame Frauen, Sprüche über jene, die nicht arbeiten und uns auf der Tasche liegen.   

Scharmützel

An einem Nachmittag giesst sie ihre Geranien. Drunten spielen Kinder Ball. Hie und da knallt der Ball gegen den Balkon. Die Katze flüchtet. Frau Boskovic schimpft mit den Kindern. Eine Mutter mischt sich ein. Hüben und drüben werden die Worte schriller. Ein Blumentopf fällt vom Balkon – oder wird er von dort geworfen? Jedenfalls holt Frau Bos-kovic die Polizei. Die schlichtet und zieht wieder ab.

Doch die Nachbarin erstattet Anzeige. Zwölf Tage später teilt die Gemeindeverwaltung Frau Boskovic den Besuch eines Vormundschaftsbeamten mit. Die Adressatin ist empört. Wütend antwortet sie per E-Mail. In der Nachbarschaft werde sie provoziert,  beschimpft und ihr Eigentum beschädigt und nun wolle man sie wegen einer anonymen Anzeige unter Vormundschaft stellen.

Krieg

Tags darauf, am 1. August, belebt sich die Grünzone schon am späten Nachmittag. Die lieben Nachbarn bechern zur Einstimmung auf den „1. August-Grillplausch“. Es brennen zuerst die Lampions mit dem Schweizerkreuz, dann brennt der Grill, dann geht’s zum Bundesfeiermenu am Gartentisch: Bratwurst, Härdöpfel- und Tomatensalat (mit Mozzarella = Schweizerfarben). Und dann das obligate Feuerwerk. Die Abschussbasis für die Raketen befindet sich vor ihrem Balkon. Sie soll alles mitbekommen. Auch die lichterloh brennenden Vulkane. Frau Boskovic und ihre Tiere haben sich längst irgendwo ver-steckt. Die Bundesfeuerwerker grölen. Eine Rakete trifft ihren Balkon. Der ganze Angriff dauert lange fünfzehn Minuten lang. Dann müssen erst die Kleinen ins Bett und langsam trollen sich auch die Festbrüder davon. Frau Boskovic findet in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Seither hört sie oft Raketen in der Nacht, wie wenn schon wieder 1. August wäre.                                                                                          

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