Eintrittsgeld für die Politik

Paul Ignaz Vogel

Ein Mädchen wird in der Herkunftsfamilie missbraucht. Nach dem Jugend­trauma folgt eine zerbrochene Ehe. Als allein stehende Mutter erzieht sie zwei Kindern allein. Die öffentliche Unterstützung erfolgt in Raten und leihweise. Vor dem Eintritt in die Politik muss sie zurückzahlen. 

Die Lebensgeschichte von Claire Tanner (Pseudonym) ist eine Leidensgeschichte. Sie bewegt sich zwi­schen dem tristen Sein und dem gesellschaftlichen Schein, den die leibliche Mutter stets bewahren möchte. Diese will der Gesellschaft zeigen, dass sie deren Konventionen erfüllen kann. Aufgewachsen ist Claire in einer familiären Patchwork-Situation, in der die Rollen nie klar sind. Claire wird als Kind von ihrem Halbbruder und den gelegentlichen Liebhabern ihrer Mutter, einer Serviceangestell­ten, sexuell missbraucht. Der Stiefvater arbeitet als Berufsmann in der Metallbranche und verbringt seine Freizeit als Wochenendalkoholiker. Ein Urvertrauen wird dem geschändeten Kind nie geboten. Die Mutter be­stimmt stur und verbietet der halb­wüchsigen Claire alle geäusserten Berufswünsche. Auch das Spielen eines Musikin­strumentes darf die Heranwachsende nie erlernen. Gegen ihren Wunsch macht sie eine kaufmännische Ausbildung und schliesst diese erfolgreich ab. Die mütterliche Verbotskultur obsiegt. 

Ohne Partner, ohne Einkommen 

Langsam kann sich Claire beruflich bewähren. Weiterbildungen folgen. Der Versuch, ein Maturitäts-Selbststudium aufzunehmen, misslingt, da dazu keine Stipendien der mittellosen Frau zur Verfügung ge­stellt werden. Sie verliebt sich, heiratet. Zwei Kin­der gebärt sie. Vorübergehend ist die junge Mutter wegen ihren Kindschaftspflichten nicht erwerbstätig. Die Ehe bricht jedoch nach wenigen Jahren auseinander. Claire wird allein erziehend und erwerbslos. Für das zwei Jahre dauernde Scheidungsver­fahren muss sie eine unentgeltliche Rechtshilfe beanspruchen. Ein Pferdefuss ist das. Denn später, als es ihr wirtschaftlich ein wenig besser geht und sie nicht mehr die temporäre Sozialhilfe der Gemeinde beansprucht, muss sie eine beträchtliche Summe bis zum letzten Rappen - in einem Abstotterverfahren - zurück erstatten.   

Gemeinschaften gestalten

Claire fühl sich mutterseelenallein, im Stich gelassen. Sie sagt: „Damals konnte ich auf niemanden zurückgreifen.“ Den emotionalen Stress des zweijährigen Schei­dungsverfahrens mit den eintreffenden eingeschrieben Briefen und den Rechtsforde­rungen kann sie für sich und ihre beiden Kinder mühsam in einer Wohngenossen­schaft überbrücken, wo sie echte Solidarität im Kleinen, im Alltag erleben darf. Auch in der Gleichberechtigungsbewegung einer Partei findet sie Halt und beginnt sich für die Politik zu interessieren. Dem fatalen persönlichen Ausgeliefertsein will sie ein Ende setzen, ihre Umwelt, ihre künftige Gemeinschaft will sie selbst wählen und so­dann mitgestalten. 

Noch kein bedingungsloses Grundeinkommen

Doch der Einstieg in die Politik auf Gemeindeebene ist nicht gratis. Nach der Anmel­dung ihrer politischen Kandidatur muss Claire rückwirkend sämtliche bezogenen So­zialhilfeleistungen zurückzahlen. Die Kandidatin gilt in der Bevölkerung als vertrau­enswürdige Politikerin, nicht zuletzt auch, weil sie instinktiv stets auf der Suche nach dem Urvertrauen ist. Claire wird glänzend gewählt. Heute sagt sie: „Ich habe viele Jahre jeden Franken umgedreht“. Der schier endlose Kampf um ihre Rechte hat sie an den Rand der Erschöpfung gebracht. „Viele Jahre war ich immer müde“, gesteht sie.

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: