Erbschaft als Gift

Paul Ignaz Vogel

Eine arbeitslose und geschiedene Frau erbte von den verstorbenen Eltern das gesetzliche Mini­mum. Trotzdem bezahlte sie die Sozialhilfe, welche sie erhalten hatte, zurück. Auch Steuerschulden galt es zu berappen. Da das Erbe bald auf­gebraucht war, meldete sie sich bei der Sozialhilfe zurück. Ein zweites Leben voller Demütigungen begann. 

Nathalie C. (Pseudonym) erhielt seit 1997 nie wieder einen Arbeitslohn. Damals hatte der Arbeit­geber der Lithographin gekündigt, weil viele Arbeitsplätze in der grafischen Branche wegrationali­siert wurden. Damit blieb sie trotz Berufslehre mit eidgenössi­schem Fähigkeitsausweis arbeitslos. Nach der Aussteuerung aus der Arbeitslosen­versicherung und Jahren der Entbehrung als Sozialhilfeempfängerin erwies sich eine Erbschaft für Nathalie als trügerischer Ausblick.

Ausgrenzung bereits in der Familie

Zum Zerfall der herkömmlichen Berufswelt als Erwerbszweig für Lohnarbeit gesellte sich eine fa­miliäre Tragödie. Nathalies Vater starb nach der Mutter und hinterließ den beiden Kindern eine Erbschaft. Als kaufmännischer Angestellter hatte er seine ersten beruflichen Sporen abver­dient. Er wechselte darauf in einen polizeilichen
Spezial­dienst. Dank seinem Insiderwissen konnte er es in einem Industrieunternehmen bis zum Vizedi­rektor bringen. Da zur Zeit der Abfassung seiner letzt­willigen Ver­fügung Nathalie, seine älteste Tochter, bereits seit Jahren Sozialhilfebezügerin war, setzte er sie bloß auf das gesetzliche Minimum. Die jüngere Tochter, Liebling der Eltern, er­hielt ihren Pflichtteil ebenfalls – und den ganzen Resten der Erbschaft. Nathalie be­wahrt kein gutes An­denken an die Eltern: „Ich habe keinen Respekt mehr vor ihnen“. 

Abzahlungen von Schulden und Sozialhilfe

Nach der Erbschaft musste Nathalie zuerst ihre Schulden bezahlen. Sodann auf den Rappen genau alle die Sozialhilfeleistungen, welche sie während Jahren bezogen hatte. Endlich erhielt sie ihre Freiheit zurück. Sie erklärt: „In der Zeit des Bezugs von Sozialhilfe hatte ich mir die Freiheit abge­wöhnt. Nun empfand ich sogar Freude da­bei, meine Rechnungen selbst bezahlen zu können.“ Sie konnte nun zu Weihnachten größere Geschenke kaufen, ihre abgenutzte Bettwäsche durch neue ersetzen. Einige kleine Möbel kamen dazu. Doch das Ende der kleinen Freiheit kam rasch. Nach fast drei Jahren war das Erbe trotz der bescheidenen Lebenskosten von Nathalie aufge­zehrt 

Wiederanmeldung bei der Sozialhilfe

Aufgebraucht war auch ihre Gesundheit. Sie hatte Mühe, aufzustehen, litt am großen Körperge­wicht. Der Arzt diagnostizierte eine Herzrhythmusstörung, welche zu Leis­tungsschwäche und chronischer Müdigkeit führte. Als sie sich Ende 2011 bei der kommunalen So­zial­hilfe wieder anmeldete, erklärte sie eine Beamtin zu 100% ar­beitsfähig. Das Schwarzpeterspiel der Sozialbehörden mit dem Sich-Zuschieben von Fällen konnte beginnen. Das RAV erklärte Nathalie schließlich, sie hätte kein Recht, Geld von der Arbeitslosenkasse zu beziehen, obschon ein Arztzeug­nis ihr 100%-ige Arbeitsunfähigkeit attestierte. Die Gesuchstellerin auf Sozialhilfe musste darauf mit einer Vollmacht die Sozialbehörden ermächtigen, über alle ihre künftigen Guthaben bei der Bank und bei den Sozialversicherungen zu verfügen. Nathalie empfindet diese Abtretung eine vollkomme­ne Entmündigung, auch wenn sie über das mo­natli­che Einkommen noch selbst verfügt. 4000 Franken Erspartes darf Nathalie behalten. Hingegen besteht ein Misstrauen quasi auf Vorrat. „Wir werden Sie genau überwa­chen“, beschied ihr der Chef des Sozialamtes. Das Leben in demütigender Halbfrei­heit geht für Nathalie weiter. 

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