«Zum ersten Mal fühle ich mich frei»

Thomas Schallert

Als Abraham Mekonen (25) aus Eritrea flüchtete, hatte er noch nie von der Schweiz gehört. Nun ist er glücklich, dass er nach abenteuerlicher Flucht hier gelandet ist. Er flog er für die Surprise Nationalmann­schaft an den Homeless World Cup in Chile. Hier schildert er sein Leben als Flüchtling:  

„Ich bin Eritreer, aber ich bin in Äthiopien geboren. Als die Politiker den Krieg anzettel­ten, den die Menschen in beiden Ländern nicht verstehen können, zog meine Familie nach Eritrea. Mit 19 Jahren wurde ich ins Militär eingezogen, doch bald flüchtete ich aus der Kaserne in den Sudan. Dort war ich nicht willkommen, also zog ich weiter nach Libyen. Ein Schlepper sollte mich für viel Geld sicher durch die Sa­hara bringen. Er holte unsere Gruppe mit einem schönen Auto ab, doch nach 100 Kilometern wurden wir mit gut 25 anderen Menschen in den Laderaum eines Kleinbus­ses gepfercht. Umkehren kannst du nicht mehr – nur hoffen, dass alles gut wird. 19 Tage dauerte der Horrortrip. Einmal wurden wir mitten in der Wüste ausge­setzt. Viele starben, darunter auch ein Familienvater, mit dem ich intensive Gesprä­che über das Leben hatte. Am fünften Morgen lag er tot neben mir. Das trieb mich selbst an den Rand der Verzweiflung. 

Im Fischerboot übers Mittelmeer 

In Tripolis fand ich Anschluss bei anderen Eritreern und Arbeit. Als Papierloser wol­len zwar alle Geld von dir, die Gemeinschaft der Eritreer bot jedoch zwei Jahre Schutz. Als der Bürgerkrieg ausbrach, war keiner mehr sicher. Eine Rückkehr durch die Wüste wollte ich um jeden Preis vermeiden. Also zahlte ich fast mein gesamtes Erspartes für die Überfahrt nach Italien. Da es ein grosses Fischerboot war, mussten wir ins Meer hinausschwimmen und hochklettern. Das schafften nicht alle. Trotzdem waren über 600 Menschen auf dem Schiff. Vor Sizilien mussten wir dann vom Deck springen und an Land schwimmen. Ich versteckte mich zwei Nächte, bis mich ein Westafrikaner fand. Ich konnte bei ihm wohnen und kam wieder zu Kräften. Dann fuhr er mich quer durch Italien nach Chiasso, wo ich am 14. April 2011 zu Fuss die Grenze passierte. Als mich die Zöllner kontrollierten, bot ich ihnen all mein Geld an. Sie sagten mir aber freundlich, ich könne das besser brauchen und brachten mich in ein Auffanglager. Nach zwei Tagen bekam ich ein Ticket nach Basel. Die Schweiz kannte ich bis dahin nicht. Es war nie mein Ziel, hier zu landen, aber es ist mein gros­ses Glück. Hier muss ich nicht mehr Schutz bei meinen Landsleuten suchen. Zum ersten Mal fühle ich mich frei, und die Menschen behandeln mich gut. Um mit den Schweizern sprechen zu können, besuchte ich jeden mir möglichen Sprach- und Integrationskurs. Eine Sozialarbeiterin, die wusste, dass ich Fussball liebe, erzählte mir vom Surprise Strassensport. Seit drei Jahren spiele ich nun bei Surprise Basel. 

Stolz, für die Schweiz zu spielen 

Ich bin stolz, nun für die Schweiz spielen zu dürfen. Das Land bietet mir die Chance, mit 25 Jahren ein freies Leben aufzubauen. Ich werde nie mehr nach Eritrea reisen können. Trotzdem habe ich von hier aus besseren Kontakt zu meinen Eltern, als wenn ich dort in der Armee wäre. Zwei meiner Schwestern dienen nun dort. Eine wei­tere ist bereits gestorben und die vierte ist nach Äthiopien geflohen. Müsste ich heute wieder aus Eritrea fliehen, würde ich auch diesen Weg gehen. Ich hatte Glück, aber eine solche Flucht möchte ich nie mehr durchmachen. Ich träumte lange von schlimmen Situationen. Aber es lohnt sich nicht, traurig zu sein. Ich war ja nie schuld und konnte auch nichts ändern. Zum Glück vergisst der Mensch vieles, sonst könnte man nicht überleben. Und jetzt träume ich von Chile.» (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Surprise / Red. Haelfte/Moitié).

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