Frauentragödie in der Schweiz

Henriette Kläy

Um den Konflikten zwischen Familientradition, diktatorischem Regime, Erpressung, Folter und Spionage zu entgehen, folgt eine junge Irakerin aus dem Irak ihrem Schweizer Ehemann in die Schweiz, in ein Land, das in ihrer Vorstellung ein Paradies der Freiheit, Demokratie und des Wohlstands für alle ist – eine fatale Illusion. (Fortsetzung der Geschichte “Frauentragödie im Irak“ in Nr. 10/2011).

Am Tag der Ankunft verflogen die Illusionen: der Mann sagte, er habe sie zwar gern, aber er liebe sie nicht, weil er schon eine Freundin habe. Sie könne bei ihm wohnen, er selbst werde wieder ins Ausland verlegt. Dieser Schock sass, sie wurde depressiv. Er bezahlte ihr für ein Jahr im voraus die Krankenkasse und ein Studio. Sie verlangte die Scheidung.

Autonomie

Faten (Pseudonym) lernte jetzt das Paradies  kennen: mit der Anstellung in einer Restaurantküche und  dem Büffeln für den Deutschkurs arbeitete sie täglich 14 Stunden. Darauf mehrmaliger Stellenwechsel. Sie wurde immer depressiver und dünner und gelangte an ihre gesundheitlichen Grenzen. Ein verständnisvoller Chef verhalf ihr zu einem Stipendium für eine einjährige Handelsschule und für einen Dolmetscherkurs. Allerdings wurden ihre Privatschul-Diplome nicht anerkannt. Ein weiteres Stipendium gab es nur für ein Unistudium und ihr fehlten Zeit und Geld, um die Matura nachzuholen. Durch eine Bekannte fand sie eine Stelle im Rechenzentrum eines Versandhauses.

Wieder eine Eheschliessung

An dem Morgen nach dem Angriff der Amerikaner auf den Irak konnte sie zum ersten Mal nicht aufstehen. Jahrelange Angst und Verspannung hatten zu einem Ischias-Anfall geführt. Ein junger, arabischer Bekannter ergriff die Gelegenheit: er sollte abgeschoben werden und er bearbeitete Faten, sie solle ihm helfen. Eingedenk ihrer eigenen Geschichte und um endlich nicht mehr völlig allein zu sein, heiratete sie ihn schliesslich. Sie lebten von Fatens Einkommen, er schickte all sein Geld seiner Familie. Ende 1992 setzte die Rezession ein. Faten wurde als verheiratete Frau entlassen. Als der Mann nach fünf Jahren die C-Bewilligung erlangte, akzeptierte er endlich die Scheidung.

Katz und Maus

Immer anstrengendere Jobs (Lageristin, Wäscherei, Altersheim) zermürbten langsam Fatens Gesundheit. Sie heiratete heimlich einen jungen Iraker, denn als zweimal geschiedene Frau war sie für seine muslimische Familie inakzeptabel. Als Faten nach ein paar Monaten schwanger wurde, verliess sie der Mann und die Ehe wurde als ungültig erklärt. Seine Familie bedrohte Faten dermassen, dass sie von ihrer Ärztin in eine andere Stadt verbracht wurde, wo sie eine Tochter zur Welt brachte. Noch heute verleugnet der Vater ihr Kind, was sie ihrer Tochter aber noch nicht zu sagen wagt. Trotz ständiger, zu völliger Unbeweglichkeit führender Schmerzen und einer chronischen Wirbelerkrankung bekommt Faten keine IV. Sie findet keine Arbeit, weil die Qualifikationen nicht ausreichen. Das Sozialamt bezahlt ihr keine Ausbildung. Als Sozialhilfebezügerin darf sie keinerlei Darlehen aufnehmen, um sich weiterzubilden. Ein ewiger Teufelskreis. Faten sagt: in ein paar Jahren ist meine Tochter selbständig, dann ist mir alles egal. Das einzige, was ihr hilft, ist ihr Glaube als Muslimin – und die Liebe zu unserem Land, das für sie trotz allem die einzige Heimat geworden ist.

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