Mit Arbeit die Gesundheit verloren

Paul Ignaz Vogel

Die Berglandwirtschaft kann heute die Arbeitenden nur beschränkt ernähren. Die Annahme einer zweitberuflichen Tätigkeit wird so für viele zwingend. Das kann in unserem Sozialver­sicherungssystem zu Schwierigkeiten bei chronischen Erkrankungen führen.

Jeremias Y. (Pseudonym) wurde vor 50 Jahren in einem Schweizer Alpental geboren. Sein Vater war Knecht. Dieser konnte Stück um Stück Land kaufen und wurde schließlich selbständiger Landwirt. Daneben verdiente er im Winter als Arbeiter in einer Fabrik seinen Lohn. Doch die nervliche Belastung wurde für den Vater zu gross. Als Jeremias 13 Jahre alt war, schied sein Vater aus dem Leben. Nun musste der Sohn zusammen mit den Geschwistern und der Mutter den stark zerstückelten Bergbetrieb allein bewirtschaften. 
 
Gemeindeversammlung auf seiner Seite

Später zog Jeremias zusammen mit einem älteren Bruder einen mittelgrossen Betrieb auf. Sie nahmen ein zinsloses landwirtschaftliches Darlehen auf und bauten im Talgrund einen modernen Stall in Dorfnähe. Doch diese Lage drohte zum Verhängnis zu werden. Hinterrücks plante der Gemeindepräsident eine Umfahrungsstrasse, die nur 13 Meter neben dem Stall vorbei geführt hätte. Es drohte die kalte Enteignung. Alle Kraft setzte nun Jeremias daran, dieses Ansinnen zu vereiteln und mobilisierte die Gegnerschaft zu diesem Projekt zugunsten eines Sägerei-Großbetriebes im Dorf. Die Gemeindeversammlung verwarf das Projekt wuchtig. Seither wird Jeremias von den Dorfoberen gemieden. Diese Auseinandersetzung hat Jeremias viel Kraft gekostet.

Teilberuflich tätig

Den Bauern-Betrieb führten die beiden Brüder gemeinwirtschaftlich in einem Hälfte/Hälfte-Verhält­nis. Jeremias‘ Bruder arbeitete tagsüber als Zimmermann. Jeremias selbst war seit 1982 in einer Wach- und Schließgesellschaft im Stundenlohn für 10 Nächte im Monat angestellt. Er musste in einem mondänen Tourismuszentrum Fünfsternhotels und Residenzen von Millionären, Milliar­dären und neureicher internationaler Prominenz bewachen. Die Nachtwachen führten ihn im Win­ter von Saunabetrieben mit über +45° C  hinaus ins Freie mit mitunter -20° C und mehr. Solche Temperaturschwankungen waren Gift für die Gesundheit, vor allem für die Lunge von Jeremias. Er erkrankte schwer. Es stellte sich eine chronische Lungenentzündung ein. Nach den Nachtwachen widmete sich Jeremias jeweils teilberuflich dem Landwirtschaftsbetrieb, den er zusammen mit sei­nem Bruder führte. Und dies, so gut es noch gesundheitlich ging.  
 
Staublunge

Denn die Arbeit im Stall - im Dunst der Tiere und mit den vielen Heu- und Strohpartikeln - schadeten der Gesundheit von Jeremias zusätzlich. Immer wieder traten akute Phasen der chronischen Lungen­entzündung auf, bei denen er mehrfach bewusstlos wurde. Schließlich kam es zu einer Hospitali­sierung und einem anschließenden Kuraufenthalt. Danach erlitt er acht Lungenentzündungen. Jeremias wurde vom Arzt zu 100% krankgeschrieben. Aus Gesundheitsgründen wurde eine weitere Arbeit als Nachtwächter bei der Sicherheitsfirma ausgeschlossen. 
 
Krank und gekündigt

Bei einer ersten Kontaktnahme mit der Invalidenversicherung wurde noch von der Möglichkeit ei­ner Umschulung von Jeremias gesprochen. Da er vorerst zu 100% chronisch krank galt, wurde er durch die Lungenliga bei der IV empfohlen. Diese billigte ihm eine 11%-ige Invalidität zu. Und der Arbeitgeber kündigte, da die Krankentaggeldversicherung ausgelaufen war.  Jeremias‘ Fall wird nun zur Arbeitslosenversicherung weiter geschoben.

 

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