Glaube an die Gleichheits-Idee

Paul Ignaz Vogel

Ein Mädchen erlebt den Garten seiner Mutter als Reichtum. Doch im Dorf herrscht keine Idylle, sondern Engstirnigkeit. Die Mutter und ihre drei Kinder werden diskrimi­niert und ausgegrenzt. Nach der Schulzeit zieht es die Jugendli­che in eine Grossstadt. Sie leidet unter ADHS. Dank der Invalidenversi­cherung (IV) findet die Frau später den Weg zu einem kreativen Leben.  

Iris Weidlin (Pseudonym, 1965*) bezeichnet ihre Dreizimmerwohnung im Armutsvier­tel einer Schweizer Grossstadt als Teil ihres Gesamtkunstwerkes. Sie hat Möbel und Geräte mit fei­nen Blumenmotiven selbst bemalt. Zwei Hunde und eine Katze hausen bei ihr und ertragen sich gegenseitig bestens. „Ich glaube an die Idee der Gleichheit“, erklärt Iris. Die Geschichte von Hund und Katz, die sich vom Naturell her nicht ertra­gen können, sie ist also ein Vorurteil. Und das gegenseitige Ertragen somit nur eine Frage der Gewohnheit. Wenn dem so in der Menschenwelt wäre?

Lebenswirrnisse eines Blumenkindes 

Der Vater von Iris war eine Generation älter als ihre Mutter. Das führte im Dorf, in dem sie einst wohnten, zum Gemunkel. Die brutale Enge des Dorflebens und die Verleumdungen setzten der unkonventionellen Lebensgemeinschaft stark zu. Der Vater war oft abwesend, ein Erfinder und Träumer, und die Mutter musste mit ihren drei Kindern allein fertig werden. Die Teilfamilie litt stets unter Geldmangel, die Mut­ter ging putzen, der Vater erhielt die AHV und überliess den Seinen einen kleinen Teil davon. Stets träumte er von der High Society, in die er einsteigen könnte. Im ländli­chen Garten aber fand Iris eine schöne Kindheit, und sie erfreute sich von klein auf ob der vielen verschiedenen Blumen, die sie so mit der Pflege des Gartens ken­nen lernte und die sie später so schön zu zeichnen verstand. Aber dem Kind wurde früh ADHS attestiert, und so musste es mit gesundheitlichen Defiziten aufwachsen. 

Alternative berufliche Ausbildung 

Nach der obligatorischen Schulzeit wollte Iris eine Gärtnerinnenlehre absolvieren, aber dies misslang. Die Lerneifrige zog es in die Grossstadt, in der sie noch heute wohnt. Iris begann eine Lehre, brach sie ab und arbeitete dann während sechs Jah­ren in einem christlichen Atelier, stellte kunsthandwerklich wertvolle Broschen, Dosen und andere Nippsachen her, zu einem Minimallohn von Fr. 800.- monatlich. Schliess­lich konnte sie sich dank der Invalidenver­sicherung (IV) bei der Kunstgewerbeschule einschreiben. Es folgte ein Stage in einer sozialpädagogischen Gruppe mit anthroposo­phischer Ausrichtung, schliesslich eine sechsjährige Ehe mit einem Mann, der als Kind missbraucht worden war und Alkoholprob­leme hatte. Nach dieser Epi­sode begann Iris, sich mit Canabis zu beruhigen und dann tauchte sie mehrmals nach In­dien ab. Bei der Rückkehr gab es ein Ämter-Marathon, trotz­dem bekam Iris eine regu­läre IV-Rente plus Ergänzungsleistungen zugesprochen. Nun malt sie Bil­der, die bald ausgestellt werden sollen und schreibt gute Texte. Auch hat sie Videos von künst­lerischem Wert hergestellt. Die Assistenz von Psychiaterin und Sozialarbeite­rin funktioniert gut und förderlich. 

Mit dem Leben versöhnt 

Traurig zeigt sich Iris, dass sie nie Kinder gebären durfte. Aber seitdem sie ihren Brust­krebs besiegen konnte, fühlt sie sich stärker und vertraut dem Leben. Zu ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft meint sie: „Ich bin Gesprächspartnerin, Liebhabe­rin, Muse.“ In der Politik hat sie ihren Weg gefunden, kämpft für die Gleichheit und setzt sich mit einer alternativen Liste für die Anliegen der Armutsbetroffenen und Aus­gegrenzten ein.  

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