Durch Höchstleistung zur Armut

Henriette Kläy

Der Weg als Frau in einem Männerberuf und in Opposition zu allen Konventio­nen kostet viel Kraft, und oft erweisen sich die Mittel, die diesen Weg leichter machen sollen, in der Folge als kontraproduktiv und annullieren den erzielten Erfolg.

Vivienne F. ist Mitte der 60er-Jahre geboren, in einer Epoche des Um- und Aufbre­chens. Sie wuchs im Geist der 68er-Jahre auf, der in beträchtlichem Kontrast zur Einstellung ihrer Eltern stand. Da ihre älte­ren Geschwister keine nennenswerten Schwierigkeiten machten, richtete sich das Augenmerk des Va­ters vermehrt auf die lebhafte Vivienne, die dafür war, alles Neue auszuprobieren. Das gegenseitige Un­verständnis führte des öfteren dazu, dass die erzieherischen Methoden mit hand­greiflichem Nach­druck durchgesetzt wurden.

Eine besondere Herausforderung

Die Schule meisterte Vivienne ohne Probleme - zumindest in fachlicher Hinsicht. Re­bellen haben es immer schwerer, und die modischen Interessen ihrer Mitschülerin­nen langweilten sie. Ihre Vorlieben waren gestalterischer und handwerklicher Natur, und so entschied sie sich für eine Lehre als Malerin – damals eine grosse Aus­nah-me. Dieses eine Mal half ihr aber der Vater, sich durchzusetzen. Durch An­eig­nung eines besonders raubeinigen Auftretens und Ausführen schwerster Arbeit ge­wann sie die Ach­tung der Männer, welche sie bald als gleichwertigen Kumpel akzep­tierten und sie in ihre Männerwelt aufnahmen. Schöne Kleider und Koketterie waren ihre Sache nicht, sondern Sport und Feierabendbier. Das Klima auf einer Baustelle ist bekanntlich nichts für „Warmduscher“, aber das Rauhbein war nunmehr zu ihrem Naturell geworden, weil es sie schützte, in konventionelleren Kreisen wurde sie je­doch mehr­heitlich abgelehnt.

Harter Beruf, falsche Freunde

Mit der Zeit wurde aus dem Feierabendbier ein Ganztagesbier, was der Gesundheit nicht eben zuträg­lich war. Die Arbeit auf dem Bau wurde mit der Zeit unmöglich, vor allem auch, weil sie schwanger wurde. Sie war in falsche Kreise geraten, ihr Freund schlug sie – das sich wiederholende Muster. Sie erlitt eine Fehlgeburt, es kam ein Unfall dazu, und so rutschte sie vollends in den Abgrund.

Zufluchten

Nach der Lehre wohnte sie mehrheitlich auf einer sonnigen Mittelmeerinsel. Damals war es noch mög­lich, zuhause temporäre Jobs zu finden, um diese Aufenthalte zu finanzieren. Aber sie verpasste dadurch den Anschluss im Beruf. Eine andere, fast meditative Zuflucht waren die verschlungenen kelti­schen Knoten, die sie nachzeich­nete oder selber entwarf, wie um einen Weg aus den komplizierten Knoten in ihrem Leben zu finden.

Die Abwärtsspirale umdrehen

Obwohl es immer noch Abstürze gibt, schätzt man sie am geschützten Arbeitsplatz sehr. Sie bedauert aber, dass sie deshalb auf der Arbeit nicht mehr Verantwortung übernehmen kann. Sie will weg vom Alkohol und nimmt alle Hilfsmöglichkeiten in Anspruch, die sich anbieten – ein harter Weg, den sie viel­leicht nicht gehen müsste, wenn sie von Anfang an Unterstützung und die Anerkennung bekommen hätte.

 

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