Im Strudel der Realitätsflucht

Ludwig Gärtner

Eltern: Verdingkinder, Vater: schwerer Alkoholiker, Sohn: Junkie. Doch manchmal findet sich ein Ausstieg aus der Misere. Aber selbst dann droht permanent das Damoklesschwert der Vergangenheit und des Scheiterns.

M. J. wächst in der Agglomeration von Bern auf als jüngstes von vier Kindern einer armen Familie. Die Eltern waren beide Verdingkinder gewesen. Da der Vater alles Geld der Familie versäuft, jagt ihn die Mutter zum Teufel, als M. J. sechs ist. Fortan muss sie sich und die Kinder als Alleinerziehende ohne Ausbildung durchbringen. Sie arbeitet Tag und Nacht als Putzfrau und Heimarbeiterin. Zuwendung kann sie so den Kindern keine geben (sie hatte ja auch selbst nie welche erfahren), sorgt aber mit grosser Hingabe für deren materielles Wohl.

Fussball als Chance und zerplatzter Traum

Doch M. J. erarbeitet sich eine Nische der Bestätigung. Auf dem Fussballfeld kann er sich beweisen, findet Bezugspersonen und schafft es gar in die Juniorennationalliga. Dann aber der Hammer: Die Ärzte stellen bei ihm Tumore im Kopf fest. Und die auf die Diagnose folgenden zahlreichen Operationen beenden abrupt die vielversprechende Fussballerkarriere. Desillusioniert beginnt er eine Lehre als Maschinenmechaniker, für ihn alles andere als der Traumberuf. M. J. ängstigt sich vor den Maschinen und dem Lärm, aber er fühlt sich der Mutter gegenüber verpflichtet, zieht die Lehre durch. Allerdings schafft er das keinen Tag nüchtern. Ab dem ersten Lehrjahr hängt er an der Nadel.

Es ist die Zeit der grossen offenen Drogenszenen in der Schweiz. 600 Franken kostet ein Gramm Heroin. M. J. braucht vorerst ein halbes Gramm täglich. Da reicht der Lehrlingslohn von Fr. 360 pro Monat nirgends hin. Er beginnt mit Kleindealereien und Einbrüchen. Später wird er täglich Drogen im Marktwert von 1000 Franken verbrauchen. 15 Jahre lang. «Ich verseckelte alle, die ich kannte, und war dementsprechend allein», sagt er heute. Auf der Gasse sei man 16 bis 18 Stunden pro Tag auf den Beinen. Er sei in jedes offene Fenster eingestiegen. Zwischendurch ist er auch längere Zeit im Gefängnis, einmal 15 Monate, einmal zwei Jahre. Auch dort komme man ans Gift, man organisiere sich halt. M. J. erlebt seinen Zerfall bewusst mit: «Ich trug monatelang dieselben Unterhosen, hatte nichts mehr. Ohne das Gift erträgst du die Realität nicht und zum Suizid fehlte mir der Mut.»

Brachialer Ausstieg

1995 geht dann nichts mehr. Er muss sich helfen lassen, macht anstelle einer weiteren Gefängnisstrafe einen «kalten» Entzug in einer religiösen Institution bei Basel, ohne Zeitungen, Bücher, Fernsehen, nur die Bibel ist gestattet. Eine Holzhammermethode, die nur die wenigsten durchstehen. Zwei Jahre bleibt er in dieser Mühle. Dann muss er mit 33 Jahren und ruinierter Gesundheit bei Null nochmals anfangen. Rückfall habe er keinen gehabt, aber die Sucht oder das Verlangen bleibe immer. Heute ist er verheiratet, hat zwei Kinder. Um die Beziehung muss er aber immer noch kämpfen, denn die Vergangenheit macht ihn nicht zum Traummann und hat ihre Spuren hinterlassen. Er betreut nun Bedürftige in der «Passantenhilfe». Dies sei eine Sysiphusarbeit bei 4530 «Klientenkontakten» jährlich. «Aber auch ein Lächeln ist ein grosser Lohn. Den habe ich damals als Maschinenmechanikerlehrling nicht gehabt», sagt er.        

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