Kalter Start ins Arbeitsleben

Paul Ignaz Vogel

Ein junger Mensch aus einer Unterschicht-Migrationsfamilie erhält Stipendien und kann seine Studien mit einem akademischen Grad abschließen. Nun steht er vor dem Nichts, denn er findet keine Stelle. Unser Bildungs- und Sozialsystem hat versagt. 

José (Pseudonym) ist in Torschlusspanik. Er hat seinen akademischen Abschluss als Biologe mit Erfolg hinter sich gebracht. Die meisten seiner StudienkollegInnen sind bereits ins Berufsleben eingestiegen und erfreuen sich einer festen und unbefristeten Anstellung. Bei José hingegen harzt es. Er verbraucht sein wenig Erspartes, das wie Schnee im Föhnsturm schmilzt. Um die Lebenskosten zu senken, wohnt er bei seinen betagten Eltern. Diese waren einst aus Spanien in die Schweiz zur Arbeit gekommen. José erhielt Stipendien für die universitäre Ausbildung.  
 
Keine Berufserfahrung

Verzweifelt sucht José (30) eine feste Anstellung. Oder zumindest ein schlecht bezahltes Praktikum, denn er kann kaum angemessene Arbeitserfahrungen vorweisen. Doch solche werden bei einer Anstellung immer mehr gefordert. José hatte zwar als Werkstudent in Gelegenheitsjobs gearbeitet. Von fest angestellten ehemaligen StudienkollegInnen erhielt er sogar den Rat, er solle in einer Bar arbeiten gehen. José: „Dadurch fühle ich mich nur mieser.“ Denn um den Einstieg ins Arbeitsleben erfolgreich abschließen zu können, bräuchte José zumindest ein Berufs-Praktikum. Doch daran mangelt es. Eine sozial aufgeschlossene Privatfirma im Bereich der Ökologie und der Alternativenergien schreibt richtigerweise auf ihrer Website: „Die Schaffung von Praktikumsstellen ist eine wichtige Aufgabe unserer Personalpolitik.“ Es genügt kaum, dass die Universitäten quasi von der Stange StudienabgängerInnen mit akademischem Grad entlassen. Erwünscht wäre eine mehr berufsorientierte Ausbildung, welche ein Praktikum schon vor dem Studienabschluss unbedingt und obligatorisch einschließt - und mehr zukunftsgerichtete Koordination zwischen Universitäten, Privatwirtschaft und der Öffentlichkeit als Arbeitgeberin.  

Gratisarbeit amtlich empfohlen

Zur gesellschaftlichen Desintegration der akademischen Jugend trugen in jüngster Zeit auch die vom Parlament beschlossenen Massnahmen zum Sozialabbau bei der Arbeitslosenversicherung bei, welche mit einem Referendum leider erfolglos bekämpft worden waren. José erhielt vom RAV (Regionale Arbeitsvermittlungsstelle) den ernüchternden Bescheid, dass es in den ersten sechs Monaten nach dem Studienabschluss mit keiner Unterstützung durch die Arbeitslosenversicherung zu rechnen sei. José: „Das RAV bot mir an, gratis bei einer durch sie vermittelte Stelle zu arbeiten. Ich lehnte ab, in der Hoffnung, endlich eine geeignete und bezahlte Stelle zu finden“. Eine Folge mehr der asozialen neoliberalen Sparpolitik. Was sagen die Gewerkschaften zu solchen Vermittlungen von Gratisarbeit und Ausbeutung durch die regionalen Arbeitsvermittlungs-Ämter (RAV) in den Kantonen? Was spricht denn für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Integration gescheitert

José stammt aus einer Migrationsfamilie in der unteren Schicht unserer Gesellschaft. Es mangelt nicht nur an finanziellen Ressourcen, sondern auch an gesellschaftlichen Kontakten für eine effiziente Stellenbewerbung von José. Die kranken Eltern möchten die Schweiz wieder verlassen und  mit ihrer Rente in ihrer Heimat Spanien leben. José: „Es gibt bei uns zuhause wegen meiner Situation ständig Spannungen. Es leidet die ganze Familie. Mit 30 Jahren ist für mich die Verwirklichung des Traums einer eigenen Wohnung und einer eigenen Familie leider noch sehr weit entfernt.“

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Schweizer Arbeitsmarkt diskriminiert StellenbewerberInnen

Swissinfo. Hochqualifizierte Personen mit Migrationshintergrund werden auf dem Schweizer Arbeitsmarkt teilweise diskriminiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Soziologischen Instituts der Universität Basel. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) fordert Maßnahmen dagegen.

Diskriminiert werden gemäß der Studie auch jene, die ihr Studium in der Schweiz abgeschlossen haben. Am meisten benachteiligt sind Personen aus der Türkei, aus Südosteuropa und aus Portugal, wie die EKR mitteilte. Die Kommission empfiehlt den Unternehmen, bereits bei der Stellenausschreibung und den Bewerbungsgesprächen auf ein nichtdiskriminierendes Vorgehen zu achten. Unternehmen, die auf Vielfalt setzten, hätten eine gute Performance, schreibt sie.

Soziale Institutionen, Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen fordert die EKR auf, ihre Anstellungsrichtlinien zu überprüfen. Zu solchen Institutionen finden gemäß der Studie Hochqualifizierte mit Migrationshintergrund nämlich ebenfalls nur schwer Zugang. Weiter plädiert die EKR dafür, die Anerkennung von Diplomen aus Drittländern zu fördern und zu vereinheitlichen. Dass hochqualifizierte Personen aus Nicht-EU-Ländern auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind, sieht sie als Folge des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU (sda-ats. 8.11.2012).

 

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