Karrierebruch eines Kadermannes

Paul Ignaz Vogel

Ein Kadermann mittleren Alters muss in einem Verwaltungs-Grossbetrieb über die Klinge sprin­gen. Es folgen Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe. Die Ehe geht kaputt, denn Erwerbslosigkeit ist nicht sexy. Doch dem kaufmännischen Be­rufsmann bleibt die Freude am Arbeiten erhalten.  

Oberhalb eines beliebigen Dorfes im schweizerischen Mittelland steigen seit Jahr­zehnten Ge­schäftsrei­sende und TouristInnen auf der Fahrt in den Süden in einem heute schäbigen Dreisternhotel ab. Vor fast vierzig Jahren wurde die Anlage konzi­piert. In den Publikumsbewertungen des Internet steht: „Abge­wohnt, dunkler Gang, veraltetes Mobiliar, abgewetzte Sofas, nicht modernisierte Zimmer“. In einem win­zigen 1 Bett-Gemach ohne Komfort hat Kon­rad Winter (Pseudonym, 1961*) die Schachteln mit seinen persönlichen Effekten deponiert. Der Fernseher stammt von seinem jüngst verstorbenen Vater, der Mik­rowellenherd von seinem Bruder. Hier lebt Konrad seit mehr als anderthalb Jahren und wartet auf bes­sere Zeiten. Das Zimmer wurde ihm von der Sozialhilfe seiner ehemaligen Wohngemeinde vermittelt.

Zerwürfnis mit dem Chef 

In seiner Glanzzeit hatte Konrad bei einer grossen Treuhand-  und Control­ling-Firma bis zu 60 Mitarbei­terInnen unter sich. Beim Mittagessen kam es im engeren Kader­kreis zum Konflikt mit dem obersten Chef. Dieser politisierte vor seinen MitarbeiterIn­nen und lobte ohne Unterlass die Erfolge einer grossen populistischen Partei. Konrad stellte den Chef zur Rede und mahnte, solch ein­deutig politische Stellung­nahmen gehör­ten nicht in den Mund eines angesehenen Chefs. Bei den nächsten neolibera­len Rest­rukturie­rungsmass­nahmen waren dann Konrads Tage im Betrieb gezählt. Er fand wider Erwarten keine neue Stelle. Mittlerweile war er fast 50 Jahre alt und wurde ar­beitslos, bezog darauf die Versicherungsleistungen. Es folgte die Aussteuerung und die Anmeldung der ganzen Fa­milie bei der Sozialhilfe in der Wohnsitzgemeinde. Dort fand Konrad  vorerst eine grosse Teilnahmslosigkeit, viel Bürokratie und kaum  Arbeitspro­gramme. Insbesondere schockierten ihn die fachliche Inkompetenz und die BeamtInnenwillkür.

Zerrüttung der Ehe 

Nachdem das Ehebett kaputt gegangen war, beantragte Konrad symbolträchtig ein neues bei der Sozi­alhilfe. Nach zähen Verhandlungen wurde ausnahmsweise der Betrag von Fr. 150.- zum Kauf eines neuen Bettes gesprochen. Zu Hause, ohne pro­duktive Tätigkeit und ohne Tagesstruktur, kam es oft zu Streit zwischen den Ehe­partnern. Die Kinder litten darunter. Konrad zog freiwillig aus. Kinder­besuche wurden vom Sozialamt gemäss der Trennungsvereinbarung in einem extra zugemieteten Zim­mer in der Hotel­anlage ermöglicht. Dazu forderte das Sozialamt von Konrad Be­lege: „Eine Bestätigung Ihrer Frau (hand­schriftlich, unkompliziert), dass die Kinder eine Nacht und zwei Tage bei Ihnen waren“.

Freude an der Arbeit 

Konrad verfügt über ein hohes berufliches Know-How, ist willensstark, umgänglich und geht auf die Menschen zu. Inzwischen hat er gute temporäre Jobs in der Ma­nagement-Schulung gefunden. Und er arbei­tet fest zu 80 Prozent in einem Hilfswerk. Dort hat er auch den Mediendienst Hälfte / Moitié kennen gelernt. Das bedingungs­lose Grundeinkommen bezeichnet er explizit als kreative und weiter führende Idee. Kürzlich konnte er aus eigenen Kräften in eine Zweizimmerwohnung in der Hotelan­lage um­ziehen. Dort kann er auch seine beiden Kinder, an denen er sehr hängt, zu regelmässigen Besuchen empfangen.

 

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