Kein Platz in der Gesellschaft

Paul Ignaz Vogel

Ein Kind wird unehelich geboren. Dies gilt im sozialen Umfeld von damals noch als Schande. Die adelige Herkunftsfamilie der Frau verarmt zudem. Ein Grund mehr zur Scham. Erwerbslosigkeit führt zur Depression. Die Sozialhilfe einer Stadt bietet Ansätze zur neuen Existenz mit Wohlbefinden an. 

Anita C. (Pseudonym) entstammt einem alten Adelsgeschlecht aus der Toscana des 13. Jahrhunderts. Ihre Familie lebte einst sehr wohlhabend, bis der Grossvater alles Geld verprasste. Seit ihrer unehelichen Geburt wird Anita von ihrer Grossmutter und ihrer leiblichen Mutter erzogen. Doch die beiden Frauen ertragen sich gegenseitig nicht. Anita erlebt den sozialen Niedergang in einer zum Abstellraum erklärten Wohnung, die noch mit echten Möbeln und Kostbarkeiten ausgestattet ist. Ihre Mutter leidet sehr unter diesem Zustand. Sie arbeitet enorm viel als Lehrerin und versucht, der Galeere zu entkommen.

Versuche des Entrinnens 

Die ledige Mutter heiratet. Ein Schweizer wird somit Stiefvater von Anita; sie ist da­mals 11 Jahre alt. Der neue Vater arbeitet als Kleinunternehmer. Auch er hat Schwie­rigkeiten mit der Wirklichkeit und verliert viel Geld. Die Familie siedelt sich im Tessin an. Mit 19 Jahren kommt Anita in eine Deutschschweizer Universitätsstadt, um Philo­sophie und Ethnologie zu studieren. Das Geld für das Studium verdient sie sich selbst, indem sie für die Stiftung ECAP (von der italienischen Gewerkschaft CGIL gegründet) italienische GastarbeiterInnen betreut, welche noch Analphabeten sind. Während eines Konzertes auf einem grossen Platz der Universitätsstadt wird sie von der Menge niedergetrampelt und in eine tiefe Verwirrung gestossen. Im Gefühl, sich von allen Bindungen befreien zu müssen, bricht sie ihr Studium kurz vor dem Lizen­ziat ab. Sie wäre erfolgreich gewesen. Dann beginnt ein langer und intensiver therapeutischer Prozess, der leider nur teilweise die erhofften Resultate bringt. 

Arbeit, Erwerbslosigkeit und Depression

Es folgen Jahre als Übersetzerin, zuerst in einem festen Arbeitsverhältnis, schliess­lich als Klein-Unternehmerin. Der wichtigste Kunde bleibt plötzlich aus. Anita wird erwerbs­los, meldet sich im Tessin beim RAV und schliesslich bei der Sozialhilfe an. Mehr als tau­send sinnlose Scheinbewerbungen sind die Folgen dieses erzwungenen un­produktiven Daseins. Es fehlt ein Diplom. Die Frage, warum niemand auf die Stellen­bewerbungen antwortet, nagt immer mehr am Selbstwertgefühl von Anita. Fataler­weise gerät sie in die Falle eines Internetbetrügers, der ihr eine Million Franken Erb­schaft vorgaukelt. Nach­dem sie die Wahrheit sieht, schottet sie sich immer mehr ab und fällt in eine tiefe Isolation. Eine schreckliche mehrjährige Depression ergreift sie. 

Vom Schein zum Sein

„Armut ist mit Scham verbunden“, sagt Anita. Als unehelich geborenes Kind hat sie immer mit der Scham zu tun, welche in ihrem Umfeld gepflegt wird. Wo ist Wirklich­keitsnähe? Anita hat als Kind von ihrer narzisstischen Mutter nie gelernt, die Wirk­lichkeit zu erkennen und zu gestalten. Heute hilft ihr eine gute Therapie. Sie arbeitet als Sprachlehrerin und Künstlerin. Ihr Mini-Einkommen wird von der Sozialhilfe in einer Deutschschweizer Stadt aufgebessert. Diese Amtsstelle hilft auch mit einem kostenlosen Gesundheitskurs, den Anita gestaltet.

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