Sozialdienst ist keine soziale Arbeit mehr

Henriette Kläy

P. wünschte sich eine vielseitige und ganzheitliche Arbeit mit Menschen. Eine Arbeit, die zur Optimierung der Lebensumstände und damit zur Möglichkeit führen würde, an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Die Realität sieht jedoch anders aus. 

Im Tun einer Sozialarbeitenden fand P. den idealen Beruf, der all ihre Vorstellungen in sich vereinte: eine ausserordentlich vielseitige Ausbildung auf wichtigen Ebenen wie Ökonomie, Sozialpolitik, Philosophie, Ethik und anderes mehr. Heute geht es infolge absolut restriktiver und rein buchhalterischer Vorgaben nur noch darum, in einem ganz engen Rahmen möglichst viel einzusparen, anstatt den Bedürfnissen der betroffenen Menschen Gehör zu verschaffen. Ein Gefühl der absoluten Ohnmacht herrscht vor. Sie sagt: „Die Menschen landen ganz zuletzt bei dir, du kannst sie nirgendwo hin mehr abschieben. Dann ist es praktisch nicht mehr möglich, sie wieder in der Arbeitswelt zu integrieren.

Nur nach ökonomischen Gesichtspunkten

Du musst ‚Schlachtpläne‘ haben und musst Leistungen erstreiten, kämpfst gegen alle: IV, Sozialdienste, Krankenkassen, Politik - alles ist von einander abgekoppelt und wird ausschliesslich nach ökonomischen Gesichtspunkten gehandhabt. Du spürst die Machtlosigkeit im System und damit die Unmöglichkeit, den ethischen Grundsätzen deines Berufs gerecht zu werden. Durch endlose Wiederholungen herrscht Hoffnungslosigkeit vor, das Repertoire von Handlungsoptionen ist äusserst beschränkt und du nimmst hauptsächlich Kontrollaufgaben wahr. Du vertrittst die Behörde, die ein Minimum zu gewähren imstande ist, und deine KlientInnen sehen dich als Gegner.“ 

„Dabei sollte sich die eigentliche Sozialarbeit auf den einzelnen Menschen konzentrieren, denn die finanziellen Aspekte sind meistens nicht das Hauptproblem. Aber dazu reichen die zeitlichen und finanziellen Ressourcen nicht mehr aus, man kann nur versuchen herauszufinden, was überhaupt noch drin liegt. Du kannst nur noch sparen und musst die Leute sich selbst überlassen. Dabei kann der Einzelne bei der Komplexität der Probleme gar nicht allein damit umgehen. Das ist nicht der Sinn, den ich in der Sozialarbeit sehe, der finanzielle Aspekt sollte eine Investition sein, mit der man die Situation durch verschiedenste Massnahmen nachhaltig verbessern kann.“ 

Masslosigkeit und Ansprüche 

Anderseits werden heute Ansprüche geltend gemacht, die man nicht immer nachvollziehen kann. Man schläft z.B. problemlos in einem Hotelbett, aber ein Bett aus der Brockenstube kommt nicht in Frage. Ein Abbild der heutigen Gesellschaft: alles wird an den Staat delegiert, statt dass die eigenen Fähigkeiten aktiviert würden. So gehen Ressourcen und Alternativen verloren. Diese Situation ist auf die Länge nicht auszuhalten. P wünschte, es würden mehr SozialarbeiterInnen hin stehen und Klartext reden. Aber die meisten stumpfen ab: „das Denken wird ihnen aberzogen“, sagt P. „Die Formel ist einfach: Die Betroffenen sollen selbst mehr tun für die Sozialhilfe, möglichst wenig kosten und die Verantwortung für ihre Situation übernehmen – so ist jeder selber schuld.“ 

Das Beste herausholen 

P. gibt ihre Vorstellungen nicht auf und riskiert eine weitere Ausbildung. Sie hat nach alternativen Projekten gesucht, bei denen nicht das Geld im Vordergrund steht, son­dern das Beste aus den Leuten herausgeholt und ihre Ressourcen reanimiert wer­den sollen. Wo in den Menschen wieder Einzelschicksale gesehen werden, wo alle Men-schen möglichst fair behandelt werden – wo eine neue Gesellschaft entstehen kann, die wieder in gemeinschaftlichen Werten denkt. Und nicht nur in Fran­ken.

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