Kriegsfolgen mit Sozialhilfe abgefedert

Paul Ignaz Vogel

Ein Mann aus dem Libanon findet im Transithandel des Mittelmeerraumes sein Betätigungsfeld. Er immigriert in die Schweiz, wird deren Staatsbürger und handelt weiter. Durch die Kriegswirren in der arabischen Welt kommt sein Geschäft zum Erliegen. Die lokale Sozialhilfe einer Deutschschweizer Gemeinde springt ein.

„Wissen Sie, was der Ramadan ist?“. Das fragte mich Aban Kabbani (Pseudonym), als ich mich zu ihm an den Tisch seiner Wohnung gesetzt hatte. Er offerierte mir Fruchtsäfte und Wasser, trank aber als gläubiger Muslim nichts, denn der Sonnenuntergang mit dem abendlichen Fastenbrechen war noch nicht gekommen. Draussen herrschte eine Gluthitze. 

In libanesischer Handelsfamilie geboren 

Aban (61) wurde in Beirut geboren und wuchs dort auf. Nach der Grundschule konnte er eine Ausbildung in einer De La Salle – Schule geniessen, die von französischen Priestern geführt wurde. Nach der Maturität siedelte er nach Marseille über und begann beim Onkel den Beruf eines internationalen Handelsmannes zu erlernen. Zuerst eignete er sich Kenntnisse in der Buchhaltung an, schliesslich gelangte er Schritt um Schritt ins Geschäftsleben. Im Transithandel kaufte er in Südkorea Textilien ein, liess sich nach Marseille verschiffen und verkaufte sie von dort nach Algerien. Später zog es ihn in die Schweiz. In einer Grenzstadt der französischsprachigen Schweiz fand er dank seinem Know-How als internationaler Kaufmann sehr rasch eine Arbeit in einer Fabrik. Er musste für die Exportabteilung Zolldokumente erstellen. Er heiratete und wurde Vater zweier Töchter. Auch erhielt er das Schweizer Bürgerrecht.  

In die Deutschschweiz gezogen 

Nach der Umsiedlung in eine mittelgrosse Stadt in der Deutschschweiz musste Aban neu beginnen. Er beherrschte zwar das Englische, Französische und Arabische in Wort und Schrift, doch das Dazulernen des Deutschen bereitete ihm viel Mühe. Seine deutschsprachige Frau nahm Lohnarbeit an, zu Hause kümmerte er sich als Hausmann um die Kinder – und baute einen Restposten-Handel auf. Dieser florierte so lange, bis ein wichtiges Abnehmerland in Nordafrika den Import teilweise untersagte. Aban versuchte, sein Tätigkeitsfeld auszuweiten. Doch mit dem Ausbruch der Wirren in Libyen, Ägypten, Tunesien, Syrien, im Libanon und im Irak brach dieser mögliche Absatzmarkt plötzlich weg. Aban konnte seine internationalen Handelsbeziehungen an einen Nachfolger abtreten – mitsamt den unbezahlten Rechnungen. Es war die Stunde Null. Er hatte sich inzwischen auch wieder verheiratet und lebt mit seiner neuen Frau (53) zusammen, die aus einem nahöstlichen Land mit mehreren Bürgerkriegsfronten stammt. Auf seine Töchter aus erster Ehe ist er sehr stolz. Die ältere (21) erlernt den Beruf einer Primarschullehrerin, die jüngere (18) möchte nach der Maturität studieren um später Advokatin zu werden. 

Sozialhilfe als Starthilfe 

Als Mittelloser bezieht Aban gegenwärtig Sozialhilfe. Doch Aban kann nicht untätig sein. Um die Sozialhilfe zu entlasten, möchte er dank seinen vielseitigen internationalen Erfahrungen und Erkenntnisständen ein qualifiziertes Consulting aufbauen, Erträge erwirtschaften und so mit Zwischenverdiensten die Zahlungen der Sozialhilfe senken, bis diese nicht mehr nötig sind. „Dann, wenn die Kriege vorbei sind“, wie Aban sagt. Er handelte bisher mit Altpneus, Altkleidern, Restposten von Haushaltwaren, Spielzeugen, Kosmetika etc. Auch eine Stelle als Vertreter oder Entwicklungshelfer wäre ihm genehm. Doch es ist schwierig genug für eine Person, die der baldigen Pensionierung entgegensieht, in der Schweiz eine bezahlte Arbeit zu finden. Zu Abans Fähigkeiten gehören auch seine Kenntnisse in Wort und Schrift der arabischen Sprache - zusätzlich zum Englischen und Französischen. 

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