Der richtige Lebenslauf

Paul Ignaz Vogel

Eine allein stehende Frau führt ein Leben als Künstlerin. Noch ist der Durch­bruch zur ertragreichen Bekanntheit nicht gelungen. Um sich finanziell über Wasser zu halten, bezieht die Frau Sozialhilfe. Die bürokratischen Schikanen und das Konzept dieser öffentlichen Unterstützung zehren zusätzlich an den psychischen Kräften.

Rita Lin (38, Pseudonym) wächst als Adoptivkind in gutbürgerlichem Hause auf. Sie macht eine Lehre als Sporttextil-Verkäuferin, jobt dann an verschiedenen Orten, ver­sucht es als selbständig Erwerbende und landet schliesslich nach einem wirtschaftli­chen Bankrott bei der Sozialhilfe. Aus Gesundheitsgründen entschliesst sie sich, ihr Leben zu leben und sich als Künstlerin in den Schranken der Gesell­schaft freien Lauf zu lassen. Schaffensperioden setzen ein, die sehr kreativ und pro­duktiv, aber finanziell nicht ertragreich sind. Doch die Sozialhilfe muss Rita von Ge­setzes wegen un-bedingt in das Wirtschaftsleben integrieren. Das Schema ist vorge­geben: Leben als ökonomischer Gewinn. 

Zwangsweise psychiatrisch abgeklärt

Da Rita sich den Mühlen des Sozialwesens nicht unterziehen mag, eckt sie bald bei den Behörden ungewollt an. Diese möchten sie zu Stellenbewerbungen zwingen. Als Rita dieses Ansinnen ablehnt, muss sie zu einer psychiatrischen Abklärung erschei­nen. Es wird ein ADS-Syndrom vermutet. Der Arzt diagnostiziert eine bipolare Stö­rung und verschreibt die Psychodroge Ritalin. Rita weigert sich, den Stoff einzuneh­men und beschreibt ihre Haltung so: „Ich will weder krank sein noch mitmachen“. Dem Sozialamt entgleitet damit die Möglichkeit, die Sozialhilfebezügerin an die Inva­lidenversicherung abzuschieben. Pech für die Gemeindefinanzen. Nichts mehr hält Rita an diesem ungastlichen Ort zurück, sie zügelt in einen anderen Landesteil und erhofft sich dort mehr Freiheit für ihre künstlerische Existenz.

Brotlose Kunst

Doch am neuen Wohnort wird die Misstrauenskultur weiterhin gepflegt. Das Sozial­amt erklärt der Sozialhilfeempfän-gerin, es sei schwierig, sie zu überwachen und Kennt­nisse über allfällige heimliche Einkünfte aus der brotlosen Kunst zu ermitteln. Rita schlägt vor, man solle ihr einen Chip unter die Haut einpflanzen, wie dies bei Hau­stieren, die den Behörden angemeldet werden müssen, üblich ist. Auch bringt Rita zu den Kontrollgängen ins Sozialamt regelmässig ihre neuesten Kunstprodukte mit. In­zwischen lebt sie in einer feuchten Wohnung mit Zugluft. Da die Miete vom Sozialamt entrichtet wird, bleibt sie rechtlos. Eine Einsprache vor dem Mietamt will das Sozial­amt nicht vollziehen. In einer anderen Richtung beweist die Sozialbehörde hinge­gen Aktivität und verlangt einen Lebenslauf von Rita. Sie legt jenen vor, den sie bei Bewerbungen für Ausstellungen abgibt. Damit erklärt sich die Sozialbehörde nicht zufrieden und verlangt „einen richtigen Lebenslauf“. „Das ist der richtige“, entgegnet Rita. Damit der Eingliederungsprozess in das Erwerbsleben schneller vollzogen wird, schreibt nun das Sozialamt Rita den Besuch eines Kurses vor, in dem sie das Schrei-ben eines Lebenslaufes für Stellenbewerbungen lernen und einüben kann. Die Sozialhilfempfängerin soll auf ihre Rolle im Wirtschaftsleben getrimmt werden.
 
Bedingungsloses Grundeinkommen
 
„Wenn ich ein bedingungsloses Grundeinkommen bekäme und meine künstlerische Arbeit machen könnte, hätte ich meine Ruhe“, erklärt Rita. Sie hat die eidgenös­sische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) bereits unter­schrieben. Rita meint auch: „Die Gesellschaft bestraft Menschen, die im System nicht mitmachen wollen. Arbeiten, ernsthaft arbeiten, das ist doch ein menschliches Grundbedürfnis.“

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