Krank machend: Genug von Leistungsoptimierungen

Paul Ignaz Vogel

Dieses Porträt handelt vom Durchschnittsleben eine einfachen Frau und Mutter. Nach der Scheidung zieht sie ihre Kinder alleine gross und ermöglichte ihnen eine sehr gute berufliche Ausbildung. Schliesslich gerät sie als Angestellte in einen pädagogischen Betrieb, wo nicht mehr das Menschliche, sondern nur die sogenannte Leistung zählt. Sie fühlt sich ausgebeutet und kollabiert physisch und psychisch.

Im Zuge der neoliberalen Privatisierung geriet auch ein mittleres regionales Dienstleistungsunternehmen im pädagogischen Bereich unter die Räder. Die staatlichen Zuschüsse wurden plötzlich abgesprochen, das Unternehmen musste sparen. Doch damit kam auch die Erkenntnis, dass mit Leistungsoptimierungen noch mehr gespart und noch mehr Druck auf das Personal ausgeübt werden konnte. Salome Sutter (Pseudonym) arbeitete in diesem Betrieb. 

Burnout

Für Salome war das zuviel. Schon während Monaten hatte sie kleiner Zusammenbrüche wegen ihrer 80-prozentigen Festanstellung erlitten. Eines Tages kam dann der grosse Kollaps. Der Psychiater musste sie notfallmässig in die Klinik einliefern. Dort befindet sie sich auf dem Weg einer behutsamen Besserung. Der ärztlich begleitete Genesungsprozess wird sich auch mit dem Aufsuchen von inneren Konflikten und deren Ursachen beschäftigen müssen. Salome fühlte sich stets zwischen Stuhl und Bank, Ansprüche von Aussen, hohe eigene innere Ansprüche an den Beruf und die Wirklichkeit konnten von ihr nicht mehr deckungsgleich erfahren werden. Die Spannungen wuchsen bis zur Erschöpfung, zum Burnout, zum „Es-geht-nicht-mehr“. Die permanenten Sparmassnahmen im Betrieb, die Gebietsstrukturierungen und die Teamveränderungen hatten das Ihre getan. So sagt Salome: „Die Arbeit stresst mich nicht, mich stresst nur der Betrieb, in dem ich arbeite“. So wurden diese Arbeitsbedingungen zum Auslöser der schweren Krise.

Schwere familiäre Last

Der Vater von Salome verliess die Familie, als sie achtjährig war. Die Mutter musste mit einem kleinen Lohn als Näherin die die drei Kinder und sich selbst durchbringen. Mit 16 Jahren verliess Salome das Elternhaus zur Ausbildung als Hotelfachassistentin. Diese musste sie aus psychischen Gründen abbrechen. Sie litt unter den stetigen Anforderungen. Mit 25 Jahren heiratete Salome, hatte ihrerseits drei Kinder. Sie führte im Unternehmen ihres Mannes die Buchhaltung, besorgte den Haushalt von fünf Personen, kümmerte sich um den stets den arbeitsintensiven Garten und ging zweimal in der Woche abends servieren. Nach der Scheidung wurde sie allein erziehende Mutter. Dank der Alimente konnte Salome im ersten Jahr zu Hause bleiben. Darauf versuchte sie, sich als allein Erziehende in die Arbeitswelt einzugliedern. Sie lebte praktisch immer ganz knapp über dem Existenzminimum. Stolz sagt Salome heute: „Ich habe den Kindern alles ermöglicht, sie haben alle drei eine gute Ausbildung bekommen“. 

Keine Weiterbildung für allein Erziehende

Wegen Steuerschulden musste Salome ihren Privatkonkurs anmelden. Sonst ist sie heute stets sehr knapp dran. „Ich jongliere mit den Rechnungen“, sagt sie. Noch nie hat Salome Sozialhilfe bezogen. Um dieser angestrengten Situation zu entrinnen und auch eine ihr eher passende Arbeitsstelle zu finden, bräuchte sie eine berufliche Weiterbildung. Schon immer hatte sie dies versucht. Sie musste sich immer mit kleinen, niedrig bezahlten Jobs begnügen. Ihr fehlen Diplomabschlüsse für ihre Qualifikationen, die sie sich im Laufe der Jahre erarbeitet hat. Das erfolgreiche Grossziehen von drei Kindern – ganz allein auf sich gestellt -  wird leider heute noch nicht zertifiziert. Das zählt bei Stellenbewerbungen noch nicht.

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