Marias Unglück

Sonya Mermoud / L’Evénement syndical

Ein Unglück kommt selten allein. In der Ausbildungszeit kann ein Unglück grosse Auswir-kungen auf das Leben haben. Vor allem, wenn man von Kindsbeinen an gewohnt ist, alles zu geben und die eigenen Bedürfnisse immer zugunsten der Anderen zurückzustellen.

Maria (Pseudonym) ist in einer Bauernfamilie aufgewachsen, zusammen mit zwei Schwestern und einem Bruder. Nach der obligatorischen Schulzeit begann sie eine Krankenpflegeausbildung, nachdem sie das Eintrittsexamen mit Erfolg bestanden hatte. Allerdings musste sie diese Ausbildung wegen einer Viruserkrankung, dem Pfeifferschen Drüsenfieber, ein halbes Jahr lang unterbrechen. Ihre Begeisterung war nicht gross, als ihre Eltern dann darauf bestanden, dass sie im nächsten Herbst einen landwirtschaftlichen Haushaltskurs beginnen sollte. Danach empfahlen ihr die Eltern eine Ausbildung als kaufmännische Angestellte. Doch Maria weigerte sich, auch noch diesen Weg einzuschlagen. Sie schlug stattdessen eine Ausbildung zur Töpferin ein. Innerhalb weniger Ferienwochen, während welchen sie nicht auf dem Bauernhof arbeiten musste, besuchte sie einen Töpfereikurs. Dort gefiel es ihr so gut, dass sie die nötige Energie aufbrachte, um nach drei Jahren die Töpfereiausbildung mit dem Fähigkeitszeugnis abzuschliessen. 

Eine Arbeit nach der anderen

Leider fand dann Maria keine Stelle in einer Töpferei, sodass sie zunächst als Verkäuferin im Spielwarenrayon eines Warenhauses arbeitete. Darauf folgte eine ganze Reihe von kleinen Gelegenheitsjobs im Verkauf und in der Verpackungsbranche. Zwischendurch half sie immer wieder auf dem Hof ihrer Eltern aus – für ganze 10 Franken pro Arbeitstag. Darauf brach Maria die Arbeit als Verpackerin ab und wurde Kellnerin. Eine 100 %-Stelle, aber ohne Arbeitsvertrag. Von ihren ersten, achttägigen Ferien zurückgekehrt, fand sie auf dem Telefonbeantworter zuhause die mündliche Kündigung vor. Sie nahm darauf eine Arbeit in einer Backstube an. Montag bis Samstag, von 04:00 bis 15:30 Uhr, ohne Mittagspause, monatlicher Bruttolohn: 2‘200 Franken. Die Bäckerei-Besitzer waren zudem Besitzer eines Reitstalls und offerierten Maria, ihre Freizeit mit Reiten zu verbringen. Sie war jeweils nach der Arbeit so erschöpft, dass sie vom Angebot keinen Gebrauch machen konnte. 

Kurzzeitige Beruhigung

Schliesslich fand Maria eine korrekt entlöhnte Arbeit als Hausangestellte in einem Regionalspital. Aber nach dem Bruch einer Freundschaft zog sie es vor, den Jura zu verlassen, um in der Deutschschweiz ein neues Leben aufzubauen. Nachdem sie zunächst drei Monate von ihrem Ersparten gelebt hatte, arbeitete sie in einem Heim, wo man ihr jedoch die Stelle nach einem Unfall kündigte. Sie meldete sich als Arbeitslose, fand aber rasch wieder eine Stelle in einer Fabrik (Stundenlohn: brutto 15.62 Fr., netto: 12.- Fr.). Damit wurde sie gezwungen, ihre Wohnung (monatlicher Mietzins: 900.- Fr.) zu verlassen und ein billiges, über einem Pub gelegenes Zimmer zu mieten. Einige Zeit später kehrte sie verdrossen in die Westschweiz zurück und nahm ihre Arbeit als Haus-Angestellte wieder auf. Kurz darauf verstarb ihre Mutter und Maria fand zu ihren alten, prekären Gewohnheiten zurück: Arbeit auf dem Hof, Reduktion beruflicher Arbeit, zu geringer Verdienst.

Ungewisse Zukunft

Die Jahre darauf waren nicht glücklicher, im Gegenteil. Marias Vater starb nach langer Krankheit. Ihr Bruder starb völlig unerwartet. Heute hat sich ihre Situation nicht grundlegend verändert. Sie sagt es selbst: „Wenn man nicht studiert hat, unternimmt man in diesem Land alles, um voran zu kommen. Es ist vergeblich. Die Armen bleiben das, was sie sind und die Reichen werden reich bleiben.“

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