Das Nähatelier – ein Platz, der Hoffnung macht

Henriette Kläy

Das Kompetenzzentrum Arbeit gehört zum Sozialamt der Stadt Bern. Es möchte jungen Erwachsenen bei der Berufswahl und - ausbildung helfen und Arbeitssuchende durch berufliche und soziale Integration auf ihrem Weg in den  Arbeitsmarkt begleiten. 

In Köniz befinden sich die Ateliers des Kompetenzzentrums der Stadt Bern: Das Textilatelier, das Glasatelier und die Bauteilbörse. Jedes bietet spezifische Tätigkeiten und spricht somit die Benutzer entsprechend an. Am deutlichsten zeigt sich dies beim Textilatelier. Entstanden ist das Textilatelier aus der Flickstube Bümpliz, eines der Programme der Stellenvermittlungsbüros RAV zur vorübergehenden Beschäf-tigung der Arbeitssuchenden. Durch die Jahre entwickelte sich daraus ein Programm mit einer zielgerichteten Aufgabe, wie wir sie heute sehen. Sie gibt den Teilnehme-rInnen durch eine unbefristete, ökonomisch sinnvolle und realitätsnahe Arbeit eine gründliche Basis mit auf den Weg. Die Ateliers bieten privaten und öffentlichen KundInnen verschiedene Dienstleistungen an, durch welche die Kosten teilweise gedeckt werden können. Dies sind Näh- und Reparaturaufträge für Kleider und Heimtextilien, insbesondere die Massanfertigung von Vorhängen. Da es sich um konkrete Aufträge handelt und nicht um eine Alibi-Arbeit, ist die Motivation und auch der Stolz auf die geleistete Arbeit umso grösser, wodurch Selbstvertrauen und Sicherheitsgefühl gefördert werden. 

Frauensache

Das Textilatelier stand ursprünglich auch Männern offen – die Mischung bewährte sich jedoch nicht. Das hing mit den Rollen von Männern und Frauen in einigen Herkunftsländern ab, was die Frauen einschüchterte und sie wieder in die üblichen zurückgestellten Positionen versetzte. Die Männer waren vor allem auf Leistung und Produktivität eingestellt, das brachte Stress und Unruhe mit sich. Zudem waren es viele nicht gewohnt, unter einer Frau als Chefin zu arbeiten. Jetzt ist das Textilatelier den Frauen vorbehalten. Die meisten von Ihnen haben schreckliche Erfahrungen hinter sich und befinden sich in einer äusserst schwierigen psychischen und ökonomischen Situation, mit vielschichtigen Problemen, welche nicht zuletzt im eigenen Zuhause entstehen. Es ist ein besonderes Anliegen der beiden Leiterinnen, den Frauen vor allem einen geschützten Raum anzubieten, wo sie in Ruhe zu sich selber kommen und ihre Fähigkeiten ausloten können - oft sind es gelernte Fachkräfte, die in ihrer Heimat einer qualifizierten Arbeit nachgingen. In diesem Raum können sie sich mit anderen identifizieren und an ihrer sprachlichen und sozialen Integration arbeiten. Sie werden in die hiesigen Gepflogenheiten und Besonderheiten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit eingewiesen und werden über die schweizerischen Bräuche und Verhaltensnormen instruiert. Die Atelierleiterinnen unterstützen auf einfühlsame und professionelle Weise das Coaching, das jede Mitarbeiterin vom Sozialamt erhält, so dass sprachliche Missverständnisse frühzeitig vermieden werden können. 

Atmosphäre des Friedens 

Wichtiger als das verdiente Geld sind die Sorgfalt und die Achtsamkeit, mit der man hier mit den Menschen umgeht. Diese ruhige Stetigkeit stabilisiert und verbannt Hek­tik und Sorgen nach draussen. Die Frauen wirken entspannt, sie lächeln. Sie emp­finden es als Glück und als grosse Chance, hierher kommen zu dürfen. Dies kann nicht einmal die Lohneinbusse um zwei Drittel beeinträchtigen, welche die neueste Sparrunde diese Frauen kostet. Es ist zu hoffen, dass der Segen dieses Raums er­kannt wird und nicht auch noch der Sparwut einiger missgünstiger Rappenspalter zum Opfer fällt.

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