Nicht locker lassen

Henriette Kläy

Nicht jedem ist ein reibungsloser Ein- und Aufstieg im Berufsleben vergönnt, aber oft konnte Verpasstes in späteren Jahren auf einem zweiten Bildungsweg eingeholt werden. Wer heutzutage kein Senkrechtstarter ist, hat kaum mehr Chancen, beruflich später doch noch Fuss zu fassen.

Carmen S. wuchs als sehr behütetes und streng erzogenes Einzelkind eines jungen Ehepaares auf. Die Mutter, in einem Pflegeberuf tätig, hatte selber mit einer Lungenkrankheit zu kämpfen, vom Vater hat sie die Liebe und Begabung für Sprachen geerbt. So wuchs sie in einer Erwachsenenwelt auf, ein stilles und scheues Kind, dem man nicht viel zutraute, eine durchschnittliche Schülerin, die mit ihrer ausschliesslich sprachlichen Begabung für die anderen Fächer nicht viel Interesse aufbringen konnte und diesbezüglich auch nicht gefördert wurde. Nach der Schule machte sie eine Anlehre als Stenotypistin, etwas anderes wurde nicht in Erwägung gezogen, da sie ja „nicht gut rechnen konnte“.

Einstieg ins Berufsleben

Wegen der einsetzenden Rezession fand sie nur temporäre Stellen, für die aber ihr Spektrum zu wenig breit gefächert war. Einen Kioskjob verlor sie wegen fehlenden Englischkenntnissen. Zum Glück ergab sich die Möglichkeit zu einem Sprachaufenthalt in England, wo sie das First Certificate of Cambridge mit Bestnote erwarb. Danach verschaffte ihr die Mutter einen Job an einem Flughafenkiosk. Büroarbeit stand gar nicht zur Wahl.

Eine Familie

Da Carmen nicht die Absicht hatte, es dabei bewenden zu lassen, sparte sie Geld für eine Weiterbildung in Spanisch. Sie heiratete und ersetzte zwei Kindern die Mutter, unter Verzicht auf eigene Kinder. Das Mädchen ist heute berufstätig und selbständig, der Junge aber ist verschollen. Elf Jahre lang opferte sie sich für die Familie auf, dann verliess der Mann sie. Sie war ausgeraubt und ausgepowert. Leider suchte sie Trost bei den falschen Leuten, was sie an den Rand des Abgrunds brachte. Sie floh in eine andere Stadt und fing wieder von vorne an, doch bald darauf wurde ihre Arbeitsstelle aufgelöst, und sie ging wieder in den Flughafenkiosk, der ihr Ausgangspunkt gewesen war. Sie arbeitete sich bis zur Filialleiterin empor, nachdem sie in einer neuen Beziehung Trost gefunden hatte. Diese scheiterte aber an der krankhaften Eifersucht des Partners, der sie vollkommen isolierte, erpresste und ausnützte und den sie nur mit professioneller Hilfe und erneuter Flucht in eine andere Stadt loswerden konnte.

Stehaufmännchen

Wieder schaffte sie den Neuanfang und regenerierte ihre inzwischen angeschlagene Gesundheit. Mit ihrem Anteil, am inzwischen verkauften Elternhaus, wollte sie jetzt in den späten Vierziegern endlich den Lebenstraum, eine gute Ausbildung verwirklichen im Fernstudium. Als ihr die Zeit für die notwendigen Besuche der Unterrichtsblöcke verweigert wurde, entschied sie sich für das Studium und versuchte, das Geld durch verschiedene Jobs zu beschaffen, musste aber feststellen, dass sie jetzt in den Augen der Arbeitgeber zu alt war. Jetzt setzt sie auf Selbständigkeit und baut langsam, aber stetig einen Kundenkreis für Übersetzungen und Sprachkurse auf. Da sie endlich auch den richtigen Partner gefunden hat, fühlt sie sich trotz aller Rückschläge, guten Mutes und voller Zuversicht. Sobald sie genug Geld gespart hat, wird sie das Studium wieder aufnehmen. Egal wann…

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