«Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas geschenkt würde»

Hälfte / Moitié

(Isabel Mosimann / Surprise Strassenmagazin / Red. ) Früher verkaufte Oliver Guntli (36) den Stras­senfeger in Ber­lin, seit letztem Sommer ist er Surprise-Verkäufer in der Berner Marktgasse. Die Grosszügigkeit eines Kunden ermöglicht ihm, sich schon bald einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen. 

„Ich habe letzten Sommer angefangen, Surprise zu verkaufen, weil ich einfach stän­dig zu wenig Geld hatte. Vorher habe ich gebettelt, um über die Runden zu kommen. Dazu ging ich meistens an den Bahnhof und sah dort immer wieder Surprise-Verkäu­fer. Eines Tages dachte ich, das wäre vielleicht etwas für mich, schliesslich habe ich in Berlin, wo ich mal ein halbes Jahr gelebt habe, auch schon die Strassen­zeitung Strassenfeger verkauft. Ende Au­gust habe ich mich beim Vertriebsbüro in Bern gemel­det und dann innert kurzer Zeit zehn Gratis-Starthefte, den Verkäuferpass und einen Standplatz erhalten. Seither bin ich eigent­lich jeden Werktag vor der grossen Migros an der Marktgasse am Verkaufen. Auch wenn es manchmal harzig läuft und lange niemand ein Heft will, mache ich diese Arbeit gern. Mir ge­fällt der Kontakt zu den Menschen, und jedes gute Wort, das ich höre, ist mir wichtig und tut mir wohl. Die Ge­spräche mit den Kunden halte ich trotzdem lieber kurz, denn in der Zeit, in der ich schwatze, verkaufe ich ja keine Hefte. Einem Beitrag über mich zum Thema Träume im Surprise-Weihnachtsheft und der Grosszügigkeit eines Kunden habe ich es zu verdanken, dass ich mir März einen lang gehegten Wunsch erfüllen konnte: Ich durfte mit meinem Freund Dani ein verlängertes Wochenende in Berlin verbringen. Ich wollte schon lange wieder mal dorthin und Dani die Stadt zeigen. Nie hätte ich geglaubt, dass mir so etwas geschenkt würde, als ich bei Surprise angefangen habe.

Café Surprise

Um auch etwas für andere zu tun, setze ich mich in Bern für die Verbreitung des ‹Café Surprise› ein. Zum Beispiel im Café Kairo, im Luna Llena oder in der Brasserie Lorraine gibt es das schon. Da kann ein Gast, der einen Kaffee trinkt, noch einen zweiten bezahlen, und der wird danach auf eine Liste ge­schrieben. Wenn dann je­mand in die Beiz kommt, der sehr knapp bei Kasse ist, kann er fragen, ob ein spen­dierter Kaffee zu haben sei. Wenn ja, wird der Kaffee wieder von der Liste gestri­chen. Weil ich es eine wirklich gute Sa­che finde, versuche ich auch weitere Lokale von Café Surprise zu überzeugen. Mein Freund und ich unterstützen, soweit es mit unserem Geld möglich ist, am liebsten das Kleinge­werbe. Eine gesunde Ernährung ist uns beiden sehr wichtig, deshalb kaufen wir gerne hochwertige Le­bensmittel, am liebsten beim Metzger, in der Bäckerei oder am Samstag auf dem Markt in Biel, wo wir wohnen. Mein Verdienst erlaubt mir zum Glück jetzt vermehrt solche Ein­käufe. Die Stadt Biel ist für Dani und mich eigentlich nur der Ort, wo wir wohnen, weil es günstig ist. Am besten gefallen würde es uns in Bern. Dann müsste ich auch nicht mehr jedes Mal nach Bern pendeln für den Heftverkauf – in Biel wollte ich eben auf keinen Fall verkaufen, weil ich nicht Französisch spreche. 

Wohnung gesucht 

Wir halten nun in der Region Bern Aus­schau nach einer Drei- oder Vierzimmerwoh­nung, die wir uns leisten können und wo wir Foxi, unseren neunjährigen Labra­dor/ Rhodesian-Ridgeback Mischling, prob­lemlos mitnehmen können. Er ist ein ganz lie ber und ruhiger Hund. Als es wärmer war, habe ich ihn auch schon an meinen Ver kaufsstandort in der Marktgasse mitgenommen. In die Grossstadt Berlin konnte Foxi nicht mitkommen. Aber falls wir uns wieder ein­mal Ferien leisten können, würden wir gerne zu dritt, also mit Hund, verreisen. Eine Woche oder zehn Tage ir­gendwo in Frankreich, mit nicht zu viel Betrieb für Dani und nicht total abgelegen für mich, das wäre auch mal schön.»

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