Im Paradies

Oswald Sigg

Fröhlich und aufgestellt ist die junge Südamerikanerin. Sie hat in der Schweiz ein neues Leben begonnen und nun hat sie andere Träume. In ihrem grossen Land in Südamerika träumen Millionen von der Schweiz.

„Hier kannst du gut leben, hast viel Geld, kannst du Schokolade essen. Hier bist du eine Prinzessin.“ Adriely (Pseudonym), 28 Jahre alt, sitzt am Arbeitsort einer Agglomerati­onsgemeinde mitten in der Schweiz und erzählt, wie sie versuchte, den Traum zu verwirklichen. Vor sechs  Jahren lernte sie in der Disco, wo sie zur Animation der Touristen angestellt war, Romeo, einen Schweizer kennen.  

Begegnung in der Disco

Schon ihre Tante hatte hier ihren späteren Ehemann aus der Schweiz aufgegabelt. Sie schildert dem Romeo im Hotelzimmer ihr Leben: sie hat einen kleinen Sohn, lebt bei ihrer kranken Mutter, hat einen Bruder, arbeitet für einen Hungerlohn. Er will ihr helfen. Er sagt: komm zu mir in die Schweiz. Ein halbes Jahr später schickt er ihr das Ticket und sie reist ihm nach. Zunächst als Touristin. Später organisiert sie für ihren Schweizer Freund und seine Freunde ein Ferienhaus in ihrem Land. Sie wird schwanger. Dann entschließen sie sich, zusammen mit ihrem Sohn und der eben geborenen gemeinsamen Tochter in die Schweiz zu übersiedeln. Es geht nicht lange gut. Ihr hiesiger Alltag ist von existenziellen Fragen geprägt. Sie streitet mit dem Va­ter um das Sorgerecht für die vierjährige Tochter. Sie wohnen getrennt, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat mit ihm: jeden Abend kommt er, der als Productmanager in der Informatikbranche arbeitet, grusslos nach Hause und raunzt ihren Sohn an: „Schulaufgaben gemacht?“. An ihm lässt Romeo seinen Frust aus. Die Eltern sind gestresst, sie nerven einander, sie lieben einander nicht mehr. Es wird kalt in der Wohnung und gleichzeitig zu viel für die beiden. Nach zwei Jahren findet Adriely, unterstützt vom kommunalen Sozialdienst, eine kleine Wohnung in der Nähe. Nun leidet die Tochter unter der Trennung vom Vater. Erst will sie „zurück zu Papi“.  Als sie durch ihre Mutter über Gründe und Vorteile der elterlichen Trennung aufgeklärt wird, weint die Tochter jedes Mal herzzerreißend, wenn sie die Mutter auch nur für einen Tag und eine Nacht entbehren muss. Und Romeo lässt Adriely nicht in Ruhe. Die beiden verkehren jetzt vorwiegend über Jugendamt und Anwälte miteinander. Sie arbeitet als Putzfrau 16 Stunden pro Woche für 1‘660 Franken pro Monat, was einem Stundenlohn von 26.27 Franken netto gleichkommt. Der Sozialdienst bezahlt für Wohnen, Versicherungen und  Krankenkasse 2‘445 Franken monatlich. 

Mit Träumen wird man nur alt 

Im grossen südamerikanischen Land wäre sie mit diesem Einkommen eine Prinzes­sin. Aber dorthin will Adriely nicht zurückgehen. Das wäre viel zu gefährlich, sagt sie. Hier dürfen ihre Kinder zur Schule gehen, Sprachen lernen. Ihr selbst ist die Schule versagt geblieben. Sie hat nichts anderes denn Hausarbeit gelernt. Und doch: das viele Geld reicht hier nur für das Nötigste. Sie kann sich fast keine Reisen leisten. In den letzten fünf Jahren lag nur zweimal der Besuch im Europa-Park Rust drin. Hingegen ermöglichte sie ihrer Schwester und dem Vater ihres Sohnes den Besuch in der Schweiz und alle paar Jahre spart sie sich die Reise in ihr grosses Land in Südame­rika zusammen und besucht ihre Familie. Hat Adriely einen Traum? „Nein, mit Träu­men wird man nur alt.“ Etwas später meint sie noch: „Jeden Tag leben ist mein Traum. Vielleicht wird der nächste besser.“

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