Sündenbock

Henriette Kläy

Unglück und Armut führen in Ausgrenzung und Isolation. Es gelten immer noch die mittelalterlichen Ansichten von schicksalhafter Selbstverschuldung und schlechtem Charakter. Eine armutsbetroffene Frau opfert sich auf, pflegt ihren invaliden Mann und wird ausgestossen.

Laura Lombardi (Pseudonym) wurde als Jüngste einer 10-köpfigen Familie auf dem Land geboren. Die Mutter musste mitverdienen und war überfordert, so dass nicht selten der Teppichklopfer zum einschlägigen Erziehungsargument wurde. So wuchs Laura bei den Grosseltern auf. Als forsches Kind mit starkem Gerechtigkeitssinn hielt sie mit ihren Fragen und Ansichten nicht hinter dem Berg. Sie stiess zuhause auf wenig Verständnis und geriet auch in der Schule und später in der Berufslehre stän­dig in die Rolle des Sündenbocks. Laura wuchs als Einzelgängerin auf, ohne richtige Akzeptanz in der Familie zu spüren und ohne Vertrauenspersonen oder Freundin­nen. Deshalb heiratete sie früh und erschuf für sich und die kleine Familie die liebe­volle Umgebung, welche sie so lange vermisst hatte.

Das Unglück

Aber bald schon erschüttert ein Arbeitsunfall ihres Mannes das Glück der jungen Familie. Nach der Amputation eines Beins kann der Mann seinen Beruf nicht mehr ausüben und ist auf die Pflege seiner Frau angewiesen, so dass auch für sie eine Erwerbsarbeit nicht in Frage kommt. Die Familie lebt von einer IV-Rente und Ergän­zungsleistungen. Wegen Folgeschäden werden immer neue Operationen nötig. Die Spitex wird eingeschaltet, mischt sich jedoch zu stark in die Privatangelegenheiten der Familie ein. So als wäre durch den Unfall auch die Frau behindert und die Familie unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen. Das führt zu Auseinandersetzungen, die zusätzlich an den Kräften zehren. Nach fast zehn Jahren immer neuer, oft monate­langer Spitalaufenthalte ist der psychische Widerstand ihres Mannes gebrochen. Die Pflege und moralische Betreuung und möglichst unbelastete Erziehung der 8, 5 und 2 Jahre alten Kinder liegen vollumfänglich auf Lauras Schultern.

Allein gelassen

Das totale Unverständnis ihrer Umgebung im kleinen Dorf macht ihr grosse Mühe. Von der Familie hat sie ohnehin nichts erwartet. Trotzdem verletzten sie Aufforde­rungen, sie solle sich doch nicht so anstellen, wenn sie sich beklagt. Kleine Fehlbar­keiten der Kinder ebenso wie ihr eigenes Kommen und Gehen werden mit spitzen Bemerkungen kommentiert. Spontane Hilfsangebote oder ein verständnisvolles Wort hie und da hat niemand übrig. Das Traurigste ist, dass die früheren Freunde sich verzogen haben. Wie gut würden ihrem Mann gelegentliche Besuche im Spital tun, eine Erleichterung auch für sie, wenn sie nicht jeden Tag mit den Kindern den weiten Weg machen müsste, damit sich Vater und Kinder nicht entfremden. Ein diesbezügli­cher Aufruf auf Facebook bleibt unbeachtet. Man schiebt eine abergläubische Angst vor dem Krankenhaus vor – man könnte es auch anders nennen, meint sie.

Selbst ist die Frau

Mittags geniesst sie ihre einzige Stunde Freiraum. Sie bietet im Internet alles an, was sie entbehren kann, um sich ein kleines Zugeld zu verdienen, das natürlich der Fami­lie zugutekommt. Zudem hat sie eine Facebook-Seite eingerichtet für Frauen in der gleichen Situation von Isolation und Einsamkeit. Dort beginnen sich jetzt langsam Kontakte anzubahnen, mit denen sie sich über ihre Situation austauschen kann – aber viel Zeit hat sie nicht dazu. Als wir uns zum Abschied umarmen, bedankt sie sich für das Gespräch. Sie habe gar nicht mehr gewusst, wie gut das tue. Wie wenig Aufwand es doch bräuchte, um einander das Leben zu erleichtern, denke ich, als ich das enge Dorf hinter mir lasse.

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