Sabrina setzt sich zur Wehr

Henriette Kläy

Vor gut vier Jahren erzählte ich hier unter dem Titel "Fiddler on the Roof" die Geschichte von Sabrina, der mutigen Frau, die mit Schrecken dem unaufhaltsamen Abrutschen in die Sozialhilfe entgegensah. Sie hat sich jedoch gegen die Demütigungen und Repressionen mit Courage und Entschlossenheit zur Wehr gesetzt. 

Bei Antritt als SozialhilfeempfängerIn wird man genauestens über seine Pflichten instruiert, nicht jedoch über die Möglichkeiten für kostenlose Rechtshilfe. Da muss man schon selber dahinterkommen und seine Angst vor Repressalien überwinden. Sabrina hatte zudem das Pech, einer ziemlich empathiefreien Sachbearbeiterin zugewiesen zu werden, welche sich wortwörtlich an die Vorschriften hält und ihr in vordergründig höflichem Ton mit spitzen Bemerkungen die Realität ungeschönt beibringt. 

Unverständnis und Schikanen 

Sabrina hat sich als Sozialhilfeempfängerin an die reduzierten finanziellen Verhältnisse angepasst, bemüht sich intensiv um Arbeit und versucht, mit Sparen und Selbermachen die Kosten tiefzuhalten. Ihr Erfolg in vielen Theaterrollen auf Laienbühnen brachte ihr auch schon einige wichtige Engagements ein, z.B. kleine Filmrollen und eine Werbung für ein Schweizer Produkt. Diese Engagements sind eine wesentliche Bestätigung für ihr schauspielerisches Können, decken jedoch bisher nicht viel mehr als ihre Spesen. Dennoch deklariert sie diese regelmässig, um dem Sozialamt Kosten zu ersparen. Dass sie gleich behandelt wird wie die sogenannten Selbstverschuldeten, die gar nichts tun zur Verbesserung ihrer Lage, findet sie empörend und demotivierend. Nicht so die Sachbearbeiterin. Im Gegenteil: Je mehr Geld sie zur Entlastung des Sozialamts selber einbringt, desto weniger sieht sie davon, und dank der Motion Studer (im Kanton Bern) wurde auch die Integrationszulage von 300 auf 100 Fr. gekürzt. Als sie einmal darum bat, ein Honorar behalten zu dürfen, hiess es: "Nei nei nei! S'git kener Usnahme!". Zudem erhielt Sabrina plötzlich Mahnungen, weil vom Amt übernommene Rechnungen nicht beglichen worden waren. Da sie die Steuern für den früheren Verdienst nicht mehr bezahlen konnte, wurde sie betrieben und erhielt Besuch vom Pfändungsbeamten. Das demütigte Sabrina sehr, sie war stets eine pünktliche Zahlerin gewesen. 

Berechtigte Verteidigung 

Sabrina liess sich das nicht gefallen. Als man von ihr verlangte, ihre schon günstige Wohnung zu verlassen, in der sie seit 30 Jahren wohnt, zog sie die Sache bis vor das Verwaltungsgericht, welches ihr Recht gab: Den Abzug der Differenz von 71 Fr. zur "erlaubten" Miete vom Grundbedarf kann sie durchaus verkraften - war dafür tatsächlich eine Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht nötig? Fast für alles und jedes musste Sabrina bisher endlos kämpfen und schreiben, meist ohne eine aussagekräftige Antwort zu erhalten: sei es, weil eine wiederholte zahnärztliche Behandlung nötig wurde: "Kommt das jetzt öfter vor?", sei es, dass sie das Weihnachtsgeld vor und nicht erst nach Weihnachten bekommen wollte, und viele andere solch kleinlicher und unnötiger Schikanen. Sabrina wandte sich schliesslich an den Regierungsstatthalter, der eine gemeinsame Aussprache anberaumte. Die Sachbearbeiterin erschien in Begleitung ihres Chefs, Sabrina ohne Verstärkung. Trotzdem konnte die Sachbearbeiterin keinen einzigen relevanten Vorwurf vorbringen. Der Vorsitzende wies auf den zwar geringen, jedoch durchaus vorhandenen individuellen Spielraum hin, der auszunützen sei. Zur Frage der Frühpensionierung kam folgende Drohung: "Mir chöi de d' Frou B. zwinge!". Sabrina ist für ihre Zivilcourage und die Hartnäckigkeit zu bewundern, mit welcher sie um ihr Recht kämpft. Die meisten wissen nicht, dass sie sich wehren könnten, oder schweigen aus Angst. Man könnte sich zu Recht die Frage stellen, ob die Sozialbehörden nicht einfach mit dem rechnen und erst mal alles ablehnen. Wer sich nicht wehrt, ist selber schuld. Kein Wunder, dass 80% solcher Einsprachen zugunsten der Beschwerdeführer entschieden werden.

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