Mit offenen Augen ins Schlamassel

Henriette Kläy

Nicht immer reicht eine glückliche Jugend aus, um ein erfolgreiches Leben zu gewährleisten. Emotionale Reaktionen und Verarbeitung von widrigen Umständen werden oft unbewusst von den Eltern übernommen, die für die Kinder im­mer Beispiel sind.

So ging es auch Fritz P., den seine Eltern nicht anleiten konnten, neue Wege zu fin­den. 

Eine glückliche Jugend

Fritz P. wuchs in einer normalen Familie am Rand einer grösseren Stadt auf. Das Leben verlief in geordneten Bahnen, ausser wenn die Mutter manchmal für einige Zeit an einen andern Ort musste. Während der Vater arbeitete, fanden er und seine Schwester die nötige Obhut bei den Grosseltern, wo auch eine ältere Halbschwester aus einer früheren Verbindung der Mutter lebte. Für Fritz nichts Aussergewöhnliches, es gehörte einfach zum Leben. Er war zufrieden und genoss als einziger Bub und Nesthäkchen die Bewunderung und die Liebe der ganzen Familie. 

Ende der glücklichen Jugend

Früh wurde die Schwester schwanger und heiratete. Die Feinmechanikerlehre brach Fritz ab, als sich herausstellte, dass sich seine grossen Hände nicht für diese Arbeit eigneten und man ihm anbot, er könne in der Schlosserei des Betriebs „weitermurksen“, was Fritz jedoch nicht gefiel. Er machte lieber eine Lehre als Maurer und arbeitete danach im Akkord. Bald gab er seine neue Wohnung wieder auf und zog zu ei­nem Freund. Das Alleinleben gefiel ihm nicht. Und er lernte den „Ausgang“ in der Stadt kennen, den Alkohol und die Drogen. Er investierte Geld in einen Haschisch­handel, welches er selber auch konsumierte. Wegen Alkohol am Steuer musste er mehrere Freiheitsstrafen absitzen und der Führerschein wurde ihm entzogen. Dazu kam, dass sein Rücken der harten Maurerarbeit nicht standhielt, was zu vielen Ar­beitsausfällen führte. Fritz kam einfach auf keinen grünen Zweig. 

Ausbruch nach nirgendwo

Eines Tages verschwand er bei Nacht und Nebel. Im Land seiner Träume geriet er noch tiefer in die Welt von Drogen und Alkohol hinein. Auf der Heimreise wurde er mit Dope erwischt und musste auch dafür ins Gefängnis. Inzwischen war sein Vater verstorben, was ihn ausserordentlich schmerzte. Die Mutter verlor nach dessen Tod vollends jeden Halt und musste wegen starken Depressionen und Alkoholabhängig­keit „versorgt“ werden, wie man so schön sagt. Die paar Hilfsjobs waren nicht befrie­digend, sein Alkoholkonsum auch nicht. In diese Zeit fallen auch Unfälle mit schlim­men Verletzungen, die letztlich zu Arbeitsunfähigkeit und IV-Rente führten.

Gutmütigkeit und Grosszügigkeit

Es ist ihm jedoch gelungen, mit Alkohol und Drogen aufzuhören. Die Freunde von früher meidet er, und obwohl er grosszügig und gutmütig ist, haben auch seine Be­ziehungen mit Frauen nie lange gehalten. Er besuchte seine Mutter regelmässig und kümmerte sich bis zuletzt liebevoll um sie. Erst nach ihrem Tod lernte er die ganze Tragweite ihrer traurigen Geschichte kennen. Heute lebt er mit kleinem Budget und vielen Beschwerden ein ruhiges, zurückgezogenes Leben. Er pflegt den Kontakt zu einigen wenigen Freunden und vor allem zu seinen beiden Schwestern, die er gern verwöhnt. Geblieben ist trotzdem ein starkes Gefühl der Ein­samkeit und der Reue über die vergeudeten Jahre.

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