Ein Leben, das nie richtig startete

Henriette Kläy

Ein junger Mensch braucht Richtlinien, Vorbilder und Führung. Wenn die fehlen, ist der Start in ein normales Leben sehr schwierig. Man kann es trotzdem schaffen, allerdings meist mit Verspätung und auf äusserst schmerzhafte Weise.

Richard S. (Pseudonym) wurde von seiner Mutter in die Ehe mitgebracht. Seinen leiblichen Vater kannte er nicht, und da die Ehe in den ersten Lebensjahren von Richard geschieden wurde, lernte er auch seinen Stiefvater nie wirklich kennen. Seine Mutter war der Situation einer Alleinerziehenden nicht gewachsen, und so fehlten dem Jungen Beispiel, Motivation und Führung, um sich für die Schule zu interessieren. In diesem Vakuum kam es schon früh zu Konflikten und kleineren Straftaten. Der Schüler machte die Bekanntschaft des Ju­gendgerichts und wurde zeitweise sogar in Heimen untergebracht.

Allein gelassen

Die Mutter ging eine neue Beziehung ein, und als Richard 14 war, wurde seine Halb­schwester geboren. Zwei Jahre später zog seine Mutter mit der neuen Familie nach Afrika, und so war der 16jährige Richard sich selbst überlassen. Die Schule hatte er mit Ach und Krach zu Ende gebracht, aber für eine Lehre fehlten ihm jegliche Lust und Motivation, er hatte nicht die geringsten Vorstellungen davon, welchen Beruf er lernen könnte, und schon gar nicht, wozu.

Abgedriftet

Es erstaunt nicht, dass Richard alsbald mit Drogen in Kontakt kam und schwer abhängig wurde. Eine Zeit lang hatte er eine gut funktionierende Beziehung, aus der er viel Kraft schöpfte und aus welcher sein Sohn stammt, der noch in die Schule geht. Als seine Part­nerin jedoch den Ausstieg aus den Drogen schaffte und er nicht, zerbrach die Beziehung.

Über 20 Jahren lang hielt er sich mit Temporär-Jobs über Wasser. Fast jedes Jahr be­suchte er seine Mutter in Afrika, wo er jedes Mal einen Entzug schaffte. Jeder Entzug dau­erte ein wenig länger und war ein wenig härter, was seinen Körper ausserordentlichen Strapazen aussetzte, die ihre Spuren hinterliessen. In die aussichtslose Situation zuhause zurückgekehrt, wo niemand und nichts auf ihn wartete, fing alles wieder von vorne an. Als er auch in Afrika zur Droge griff, war dies das Ende des Sicherheitsnetzes, das die Besu­che bei der Mutter für ihn bedeutet hatten. Als Weisser in Afrika Drogen zu konsumieren ist noch viel gefährlicher als hier, die meisten überleben das nicht, und zwar nicht nur aus gesundheitlichen Gründen.

Auf dem Rückweg zum Start

Irgendwie ist es Richard gelungen, zu überleben. Er arbeitet in einem Wiedereingliede­rungsprogramm, liebt seine Arbeit und ist zum ersten Mal glücklich in einem geregelten Leben. Nur sind diese Programme auf zwei Jahre beschränkt, wonach die Absolventen auf dem normalen Arbeitsmarkt eine Stelle finden sollen. In zwei Monaten ist es soweit: Richard hat nicht die geringste Ahnung, wie es weitergeht. Mit seiner Laufbahn hat er ab­solut keine Chancen auf eine Anstellung. Er sagt: mal sehen. Das Wichtigste ist, für alles offen zu sein und keine Wünsche, Hoffnungen oder sonst irgendwelche Vorstellungen auf­kommen zu lassen, sonst ist die nächste Enttäuschung vorprogrammiert. Und was das bedeuten könnte, daran will er gar nicht denken.                        

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