Schrebergarten, Sozialhilfe, Sozialismus

Paul Ignaz Vogel

Ein Arbeiter gelangt durch den technologischen Wandel zur Erwerbslosigkeit  und muss Sozial­hilfe beziehen. Die Behörden stemmen sich gegen das ehren­amtliche Engagement des Sozial­hilfe-Empfängers. Bürokratie herrscht vor.
 
Just einjährig war Max C. (Pseudonym), als er von den Sozialbehörden den leibli­chen Eltern wegge­nommen und in eine Adoptivfamilie verpflanzt wurde. Doch das arme Kind geriet vom Regen in die Traufe. Die mangelhafte Ernährung des Kleinkin­des führte zu erheblichen Wachstumsschwierigkeiten und gesundheitlichen Störun­gen. Nochmals wurde das Kind aus seinem Beziehungsnetz weggenom­men und es musste versuchen, in einer neuen Gemeinschaft Geborgenheit zu finden. So wuchs Max im Waisenhaus der Heimatgemeinde auf. Er hatte Glück, denn jene Anstalt (wie solche Institutionen früher hießen) wurde gut geführt und er konnte bis zum Schul­eintritt seine gesundheitlichen Defizite aufarbei­ten. Max durchlief normal die obligato­rische Schulzeit und machte anschließend eine vierjährige Be­rufslehre als Schrift­setzer. Im Militär brachte er es bis zum Unteroffizier.
 
Technische Revolution zu rasant
 
Es folgten die wirtschaftlich guten Jahre der Hochkonjunktur mit Vollbeschäftigung. Max arbeitete in ei­nem grafischen Betrieb, der ein Amtsblatt, Werbematerial für die nahe Tourismusregion und Akzidenzen herstellte. In einem grafischen Großunternehmen wurde er auch in der Mettage tätig. Zwischendurch arbeitete er zudem als freier Journalist für eine kleine Regionalzeitung; diese wurde bald eingestellt. Doch die technische Revolution mit dem Ersatz des Bleisatzes brachte für ihn zu rasante Ver­änderungen im an­gestammten Beruf, so dass Max umsattelte. Das Handwerkliche und Künstlerische war im Satz und Druck zusehends verloren gegangen. So ver­diente sich der gelernte Typograf sein Brot im gewerbsmäßigen Transportwesen für Stückgut und Personen. Doch im Chauffeurberuf kam es zum Eklat: Beim Transport einer Flugzeugbesatzung zum Flughafen erlitt Max in einem Tunnel einen Sekun­denschlaf. Die neben ihm sitzende Person konnte das Schlimmste verhindern. Das bedeutete jedoch das Ende der Arbeit im Transportgewerbe und die übliche Arbeits­losenkarriere. An einen Wiedereinstieg in den er­lernten Beruf war nach dem techno­logischen Wandel vom Bleisatz zur Informatik nicht zu denken. Sein Rückstand war zu groß.

Ganz unten eingegliedert
 
Als unerwünschter Verlierer in unserer Erwerbs- und Erfolgsgesellschaft ist nun Max auf die Sozialhilfe angewiesen. Seine Ehefrau arbeitet zu 50% und bezieht ei­nen Bruttolohn von rund Fr. 2000.- . Max er­hält von der Fürsorge monatlich Fr. 1100.- inkl. Miete. Der Machtapparat des Fürsorgewesens greift durch. Die Frau von Max erbt Fr. 7000.-. Der Sozialhilfeempfänger vergisst, diese zusätzliche Ein­nahme zu deklarieren. Via Steuerbehörden erfährt das Sozialamt davon, dass Max Fr. 3000.- zuviel er­halten hat. Denn laut SKOS-Normen ist ein Betrag bis zu Fr. 4000.- zulässig. Als Busse erhält Max wäh­rend ein paar Monaten Fr. 150.- weniger Sozial­geld.

Viel unbezahlte Arbeit
 
Ehrenamtlich ist Max im Vorstand eines Familiengärtenvereins tätig, ebenso für die sozialdemokratische Partei. Er macht bei den „SP-Büezerinnen“ mit. Das Sozialamt verlangt zwischenzeitlich Stellenbewer­bungen und stellt sich gegen die erwerbslose Tätigkeit im Ehrenamt. Max dürfe nur  in der Freizeit politi­sieren, heisst es. Was be­deutet schon Freizeit bei Stellenlosigkeit? Darum erwähnt mir Max  am Schluss des Gesprächs lobend das bedingungslose Grundeinkommen (BGE).

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