Seconda aus Süditalien

Paul Ignaz Vogel

Gesellschaftliche Zwänge und archaische Traditionen grenzen ein Mädchen beim Erwachsen­werden von einer kostbaren Bildung aus. Eine durch Schwan­gerschaft erzwungene  Ehe wird zur Hölle und verursacht eine psychische Krankheit. Nach dem Sozialamt kommt die IV zum Tragen.

Seit 12 Jahren verharrt Anna Romano (Pseudonym, *1969) durch eine existenzielle Erschöpfung seit ihrer Kindheit in schwerer psychischer Erkrankung. Die Heirat we­gen einer ungewollten Schwanger­schaft hatte sie aus der Bahn geworfen. Die Prä­senz ihres nordafrikanischen und umässig trinkenden Mannes wurde ihr zuviel. Was mit einer Wochenbettde­pression begonnen hatte, endete mit einer wüsten Kampf­scheidung. Alleine und mit nur äusserst wenig Kräften versucht Anna, ihre vierzehn­jährige Tochter mitten durch die Pubertät zu begleiten. Das Sozialamt besorgt das Alimenteninkasso und unter­stützt bürokratisch. Kürzlich wurde die Integrationszulage von Fr. 200.- auf Fr. 100.- reduziert. 

Familiäre Herkunft

Mit-Verursacher des psychischen Desasters ist die familiäre Herkunft und die Bin­dung an Menschen zer­brechende gesellschaftliche und religiöse Traditionen. Der Durchbruch in ein aufgeklärtes Dasein ist Anna unter grossen Zwängen, begleitet durch psychische Gewalt, nur halbwegs gelungen. Ihr Vater war aus sei­nem süditali­enischen Dorf in die Schweiz ausgewandert, um als Hilfsar­beiter Geld zu verdienen. Es kam zu einer arrangierten Ehe. Mann und Frau sollten sich, wie von den Gross­familien beschlossen, via Brief­wechsel anfreunden und lieben lernen. Nach der Hei­rat zog die Frau aus Südita­lien in die Schweiz. Nun folgten Jahre der Nichtbegeg­nung. Immer herrschte Streit in der Familie. Die willensstarke Frau trug die ganze Last der Familie. Und der schmächtige Mann kritisierte jede Auslage, die ihm unnötig schien. Denn er hatte nur das Sparen im Sinn, um am Ende seines Er­werbslebens in seine italienische Heimat zurückkehren zu können. Und dort ein Häuschen zu kaufen oder zu bauen.

Erzwungener Verzicht und Verbotskultur

„Meine Mutter hatte wahnsinnig Angst, in die Hölle zu kommen“, sagt Anna. Ihre reli­giösen Überzeugun­gen verbo­ten ihr eine Scheidung. Nach einer Trennungsphase der Eltern wurde Annas Bruder gezeugt. Zwänge durch und durch. Dazu kam der ökonomisch bedingte Verzicht: Anna erhielt als Mädchen und Heranwachsende kein Sackgeld. Sie musste abgetragene Kleider aus der Brockenstube tragen. Verbo­ten war in der Familie jeglicher Ausgang. Anna durfte nur tagsüber in einem kirchlichen Jugend­verein tätig sein, wo die dauerhafte Kontrolle durch Priester und Nonnen ge­währleistet war. Ebenfalls verboten wurde der Heranwachsenden das Schminken, Telefonieren und Briefe schreiben. Sexuelle Auf­klärung galt als Tabu. Der Vater sprach immer vom weissen Kleid, mit dem frau heiraten sollte.

Schein und Sein

Anna begann zu lügen, um das durchzustehen. Sie organisierte sich Kontakte zu AlterskollegInnen hin­ten durch. Als sie einmal von einem jungen Mann Rosen ge­schenkt erhielt, beschimpfte sie ihre Mutter als Hure. Ab 12 Jahren verdiente Anna mit Nebenjobs ihr Taschengeld. Sie besuchte das Wirtschafts­gymnasium. Dort herrschte ein liberaler Geist. Mit 17 Jahren kam es zum Bruch mit dem Elternhaus. Anna zog aus, brach die Schule ab und setzte ihre Tätigkeit im Billig-Wa­renhaus vollberuflich fort. In der Hochkonjunktur stieg sie in einer Bank auf und verdiente gut. Nach der Geburt ihres Kindes brach sie jede Erwerbstätigkeit ab und versank in eine tiefe Depression. Doch Anna ist nun von der Invalidenversi­cherung anerkannt wor­den. Die Ablösung vom Sozialamt wird folgen. Was würde Anna wirklich helfen? 

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