Sich selbst werden

Paul Ignaz Vogel

Eine junge Frau verbraucht ihre Kräfte im totalen Einsatz für ihre Arbeit in der IT-Branche. Trotz mangelndem Berufsabschluss schafft sie einen mühevollen Aufstieg, verliert aber dabei ihr Selbst. Ein tiefes Burnout und Arbeitslosigkeit sind die Folgen. 

Zdenka Prosic (Pseudonym) wurde 1976 in der Schweiz als Kind einer Gastarbeiterin und eines Gastarbeiters geboren. Die Familie stammte aus dem damaligen Jugosla­wien. Ihre Ferien verbrachte sie bei der Verwandtschaft an der dalmatinischen Küste. „Das gab Herzschmerz bei der Rückkehr in die Schweiz“, gesteht Zdenka. Ihre Schulzeit erlebte die wissbegierige Zdenka als Zufluchtsort von den Streitereien von zu Hause. In der Schule durfte sie Kind und Ausländerin sein; das Klima war damals in der Schweiz aufgeklärt und noch nicht rassistisch vergif­tet. Zwei Heimaten zu ha­ben empfindet Zdenka heute als Bereicherung. Nach der Sekundarschule begann sie eine Lehre als Audio-Video-Elektronikerin. Wegen der Scheidung ihrer Eltern und den ständigen Konflikten mit ihrer Mutter hatte sie immer mehr Mühe, sich auf die Lehre zu konzentrieren.

Ohne Lehrabschluss ins Berufsleben

Im dritten Lehrjahr brach sie die Lehre ab, lief von zu Hause weg und zog zu ihrem damaligen Freund, einem Glas­bläser. Beim ihm hoffte sie, endlich Zeit zu haben um zu sich zu kommen und herauszufinden, was sie beruflich werden möchte. In der Herkunftsfamilie interessierte sich niemand für ihren beruflichen Werdegang. Die fi­nanzielle Situation erlaubte einen solchen Luxus nicht. Schnell fand sie daher eine Anstellung in der Fabrik, in der ihr Freund als Glasbläser arbeitete. Sie gewöhnte sich umgehend an den Rhythmus einer Fabrikarbeiterin, wusste aber, dass sie mehr erreichen wollte. In der Fabrik lief es nicht rund. Ver­schiedene Migrationskreise unter der Arbeiterschaft rivalisierten um Einfluss und Macht. Nach einem Betriebsfest kam es zwischen der Familie des Freundes und einer Gruppe von Portugie­sen zu einer grossen Schlägerei. Die Anführer wurden darauf entlassen. Auch Zdenkas Freund gehörte dazu. Bald ging die Beziehung in Brüche.

Mühsamer Aufstieg

Weil Zdenka keinen Lehrabschluss besass, wollte sie sich weiterbilden. Sie verdingte sich als Au-pair-Mädchen bei einer Familie in der Nähe von Paris und lernte Französisch. Danach kehrte sie zu ihrer Mutter in die Schweiz zurück und fand eine Arbeit in einer Grossfirma für elektronische Systeme. Sie bediente im Callcenter die Hotline für den KundInnenservice und sicherte sich den Aufstieg bis zur Behandlung der ganz schwierigen Fälle. Zdenka war motiviert und engagiert. Doch es kam zu einer Umstrukturierung der Firma. Eine neue Chefin mit ganz neuen Ideen übernahm das Zepter. Zdenka verliess die Stelle und fand eine neue Arbeit in einer Informatik­firma. Dort musste sie im operativen Bereich mit einem Monitor Systemstörungen bei der Datenverarbeitung ausfindig machen. Als sie zur Teamleiterin befördert wurde, beschloss sie, das KV nachzuholen. Alles stand auf einem sehr wackligen Funda­ment.

Burnout und die Folgen

Zdenka hatte nicht auf ihre Stresssymptome während der Arbeit gehört. Ein Burnout folgte. Die Diagnose ergab ein nicht verarbeitetes Kindheits-Trauma. Zdenka er­starrte, schaute zu Hause tagelang die Wände an, bekam schreckliche Angstzu­stände. „Alles quoll in mir empor“, gesteht sie. Sie wurde arbeitslos, bezog die Versicherungsgelder. Dann folgt die Aussteuerung. Heute lebt Zdenka von der Sozialhilfe und eine Therapie finanziert sie selber. Die Fortschritte dank Lauf­bahnberaterin und Therapie erweisen sich als Glücksfall. Für Zdenka stellt sich noch immer die Frage: „Was will ich eigentlich?“ Und nicht mehr das anpasserische Selbstverständnis:  „Was will die Gesellschaft von mir?“ Eine neue Sicht tut sich auf. Zdenka sagt: „Ich muss mir selbst helfen, ein besserer Mensch zu werden.“ Sie gewinnt das Gefühl des Neubeginns zurück.

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