Um Gottes Lohn

Henriette Kläy

Leistung ist nicht gleich Lohn und Lohn ist nicht gleich Leistung. Das ist einer der fatalsten Fehler im Denken der heutigen Leistungsgesellschaft. Für eine berufstätige Frau werden  Lohnarbeit und zusätzliche unbezahlte Familienarbeit zu einer erheblichen Doppelbelastung. Ihre Motivation holt sie aus der Überzeugung, für ihre Kinder und damit für die Gesellschaft wichtige Zukunftsarbeit zu leisten.

Laurence P. wuchs in einer Bauernfamilie auf, wo die Arbeit viel und die Worte rar waren. Die Eltern gaben ihr zu verstehen, dass sie nur ein Mädchen war, so lernte sie früh, sich selbst zurückzustellen und sich über Leistung Anerkennung zu erarbeiten. Heute leitet sie ein kleines Unternehmen. Ihr Anforderungsprofil umfasst das Ressourcen-Management, Personal (Einsatz, psychologische Betreuung, Ausbildung und Mediation), Administration, Buchhaltung, Logistik und Infrastruktur sowie Krisenintervention sind ihre Ressorts. Das Besondere an Laurence P. ist jedoch, dass sie bei diesem Pflichtenheft nicht etwa einen entsprechenden Managerlohn erhält, sondern gar nichts. Laurence P. ist Hausfrau und Mutter in unbezahlter Arbeit mit einem zusätzlichen 60%-Job in Lohnarbeit.

Das Unternehmen

Laurence P. managt eine Patchworkfamilie mit 7 Kindern. Zu deren Herausforderungen gehört auch die kulturübergreifende Zusammensetzung. Ihr Mann, aus dem mittleren Osten stammend und dort gebildet, hat in der Schweiz ein neues Berufsdiplom gemacht und arbeitet auf dieser Basis. Soweit er kann, hilft er beim Kochen, Kinder in die Krippe bringen oder beaufsichtigen. Aber er lebt nicht wirklich hier, sondern sein ganzes Sinnen und Trachten richtet sich auf seine Rückkehr in seine Heimat. Der Tagesablauf von Laurence P. sieht so aus: 6:00 Tagwacht, 7:00 Frühstück. 7:30 im Laufschritt die Kleinste im Kinderwagen in die Krippe bringen, um danach in letzter Minute den Bus zu erreichen. Während der Fahrt endlich 20 Minuten Zeit für sich. Als Gläubige stellt sie im Gebet jedes Familienmitglied in Gottes Obhut. An ihrem Arbeitsort geniesst sie es, dass nicht alles gleichzeitig erledigt werden muss. In der Mittagspause Kontrollanruf, ob zuhause alles in Ordnung ist und das am Vorabend zubereitete Mittagessen aufgewärmt wird. Wieder Pause im Bus. Auf dem Heimweg müssen die Kleine abgeholt und Einkäufe gemacht werden, mit einer genauen Planung des schmalen Familien-Budgets.

Wenn andere Feierabend haben

Wenn sie Glück hat, ist bereits ein Abendessen vorbereitet. Danach werden die Kinder je nach Situation für eine Arbeit eingeteilt. Die Grösseren bieten ihr manchmal spontan Hilfe an. Während sie die Kleinste stillt, macht sie gleichzeitig zwei Diktate, achtet auf die Klavierübungen, notiert in Gedanken den schmutzigen Boden, die Flecken auf dem Sofa und das Loch in der Hose, tröstet Kinderkatastrophen, während die Waschmaschine läuft und das Telefon schellt. Wenn um ca. 21.00 Uhr alle befriedigt und im Bett sind, Post erledigen und das Gröbste im Haushalt bereinigen. Anschliessend muss noch das Mittagessen für den nächsten Tag vorbereitet werden, dann ist um 22:00 – 23:00 endlich auch für sie Feierabend.

Und was bleibt für Laurence?

Genugtuung, dass wieder ein Tag gelungen ist. Ihre "Freizeit" geniesst sie stückchenweise, wenn die Kleine an ihrem freien Nachmittag schläft und die andern in der Schule sind, oder wenn alles erledigt ist und ihr noch eine halbe Stunde übrigbleibt. Zeit, um mit einer Freundin eine Verabredung zu treffen. Laurence P. ist der festen Überzeug, ihren Kindern eine solide Basis zu einem guten Leben mitzugeben.               

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: