Der Unterschriftensammler

Hälfte / Moitié

Red./ In der „Hälfte/Moitié“ ist die bezahlte Unterschriftensammlung für die Wieder­gutmachungs-Initiative kritisiert worden. A. steht im Einsatz für diese Initiative, war aber auch schon für das bedingungslose Grundeinkommen mit dem Unterschriften­bogen unterwegs. Oswald Sigg porträtiert hier einen professionellen Unterschriften­sammler.

A. sammelt heute Unterschriften für die Wiedergutmachungs-Initiative. Aus einem einfachen Grund: er will arbeiten. Etwas tun, das Sinn macht. Denn: dass man bei uns Kinder zur Ar­beit zwang, missbrauchte, wegsperrte, dass man bei uns Frauen zur Sterilisation oder zur Abtreibung zwang – es ist noch gar nicht so lange her. Viele Opfer von behördlichen Zwangsmassnahmen leben noch. „Solche Opfer muss man unterstützen. Sie müssen noch zu ihrem Recht kommen und zwar schnell“, sagt er. Einer seiner Freunde war ein Verding­bub. Er hat von ihm – aber auch von anderen Betroffenen – unglaubliche Erlebnisse erzählt bekommen. So etwas hat man bisher einfach totgeschwiegen. Für das Sammeln der Unter­schriften wird er bezahlt. Natürlich, denn er meint: „Ich wüsste nicht, weshalb ich für diese Arbeit nichts verdienen sollte. Alle andern, die arbeiten, verdienen ja auch Geld. Oder von was soll ich mir das Reisen und die Verpflegungen beim Sammeln finanzieren? Man braucht Geld, um arbeiten zu können. Unterschriften sammeln ist harte Arbeit.“

Viel Geld verdienen – das will er nicht mehr

A. arbeitete als Plattenleger, verdiente sehr gut dabei und bekam nach Jahren harter Arbeit gesundheitliche Probleme. Er musste den Beruf wechseln und landete bei einer Spezial-Rei­nigungsfirma. Dort verdiente er viel weniger Geld. Er schuftete bis zu 13 Stunden am Tag, nachts schlief er auswärts im Hotel. Die Firma behandelte ihn dreckig, er litt unter zuneh­mendem Stress. Dann und wie aus heiterem Himmel: Herzinfarkt. Er überlebt nur knapp. Er wird krankgeschrieben und kann keiner normalen Arbeit mehr nachgehen. Bald einmal läuft das Krankentaggeld aus und wie es halt kommen muss: weil die IV nicht weiter hilft, Anmel­dung bei der Sozialhilfe.

Sozialhilfe ist keine Hilfe                                                                                               

Er traf auf gewisse Leute bei der Sozialhilfe, „die waren inkompetent und ihr Geld gar nicht wert“. Der Sozialdienst wollte ihn während einem halben Jahr in ein reines Beschäftigungs­programm stecken, was aus gesundheitlichen Gründen unmöglich war. So ein Beschäfti­gungsprogramm kostet monatlich zwischen 4‘000 bis 7‘000 Franken - das be­zahlt die Öffent­lichkeit, sagt er. Aber wie ist es denn mit diesen Sozialfirmen, frage ich. „Hunderte werden beschäftigt, arbeiten für Auftraggeber im realen Markt, die ihrerseits den Sozialdienst unter dem normalen Tarif entschädigen, wobei wiederum der Sozialdienst damit seine Kosten re­duziert.  Eine Win-Win-Situation, nicht wahr?“ Wichtig wäre vor allem, sagt A., dass einer jene Arbeit ausführen könnte, die er auch will. Das ist mit solchen Arbeitspro­grammen nur ganz selten der Fall. Es ist doch so: „Der Arbeitgeber verdient sein Geld mit mir. Die Sozial­hilfe bezahlt mir das übliche Geld, das ich zurück bezahlen muss. Der Gewinn verbleibt bei einem Anderen“.

Arbeit muss Sinn machen   

Die heutige Sozialhilfe ist nicht der richtige Weg, meint A. Die Sozialhilfe-Fälle nehmen ja nicht ab. Im Gegenteil. Es müsste vielmehr Zeit und Geld in die wirkliche Integration inves­tiert werden. Das heisst: einen Beruf, eine sinnvolle Arbeit erlernen, sich weiterbilden lassen – und für diese Kosten sollte das Sozialamt aufkommen.  „Aber nein: so etwas wird nicht gemacht. Lieber steckt man die Hilfebedürftigen in Arbeitsprogramme, wo sie sich im Kreis herum drehen. Ich habe mich beim Sozialamt verschuldet, weil das Geld so knapp war.“ Was ist denn überhaupt eine sinnvolle Arbeit? A. antwortet: „Eine nützliche Arbeit, die mir Freude macht und mich dadurch weiter bringt.“ A. ist heute dank seiner Arbeit als Unterschriften­sammler auf keine Unterstützung mehr angewiesen.

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Jugend gegen Rassismus und Diskriminierung 

Swissinfo / Während vier Tagen haben 200 Jugendliche aus der ganzen Schweiz im Bundeshaus in Bern debattiert. Zum Abschluss verabschiedete das Plenum der Eidgenössischen Jugendsession Forde­rungen. Gleich mehr­fach sprachen sich die Jugendlichen und jungen Er­wachsenen in ihren Petiti­onen gegen verschiedene Formen von Diskriminie­rung im Alltag aus. 

Dem Rassismus möchten die Jungpolitiker unter anderem mit einer Bildungsoffen­sive entgegentreten: Als fester Bestandteil des Lehrplanes solle er an den Schulen behandelt, und SchülerInnen sollen so für die Problematik sensibilisiert werden.

Weiter fordern die Jugendlichen, dass die Rassismus-Strafnorm auf Diskriminie­rung aufgrund der sexuellen Orientierung, physischer oder geistiger Behinderung sowie der sozialen Schicht ausgeweitet wird. 

Zur Bekämpfung der Diskriminierung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt fordert die Jugendsession neben Kontrollen auch Sanktionen bei Fällen von Lohndiskriminie­rung. Die Jungpolitiker plädieren zudem für die Einführung eines Elternurlaubs. 

Schweiz-EU mit Bilateralen 

Die Jungpolitiker beschäftigten sich auch mit dem Verhältnis der Schweiz zur EU. An den Bilateralen sollte ihrer Ansicht nach festgehalten werden. Die Jugendlichen verlangen zudem eine "bessere Verteilung von Flüchtlingen auf alle Dublin-Staa­ten". Die Jugendlichen forderten die Politiker des weiteren auf, Massnahmen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln sowie zur Bekämpfung der Jugendarbeitslo­sig­keit zu ergreifen.
( sda-ats )

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