Vom Leid der Vertriebenen

Paul Ignaz Vogel

Vertrieben im eigenen Heimatland, vertrieben in ein Land, wo eine fremde Staatsbürgerschaft die eigene werden soll. Das Schicksal der bosnischen Musliminnen schreit zum Himmel. Das Heimweh überwiegt im täglichen Leben.

Muhiba F (Pseudonym) wurde 1959 in Bosnien-Herzegowina geboren. Sie lebt heute als Schweizerbürgerin in unserem Land. Als ich sie fragte, welches Pseudonym sie denn für ihre Person wählen wollte, meinte sie: „Einen Menschennamen? Ich habe immer das Gefühl vom Niemandsland, wenn ich hier lebe.“

Flucht ins Nichts

Muhiba war zu Hause Lehrerin, ihr Mann Kleinunternehmer im Bauwesen. In die Schweiz floh  sie 1992 kurz vor dem Krieg mit ihrem Mann und der 11-jährigen Tochter. Ein Bild vom Abschied: Frauen und Kinder pressen die Hände vom Innern des Busses an die Scheibe, die Männer von Aussen. Im Schweizer Flüchtlingsheim teilen das Ehepaar, die ältere Tochter und die Schwiegermutter ein 10m² -Zimmerchen mit zwei Kajütenbetten. Zum Kochen erhalten sie Esswaren. Zudem Fr. 1.20.- bar pro Tag und Person. Es folgt ein mühsamster Aufstieg. Zuerst konnte Muhibas Mann WCs in anderen Heimen putzen, sie flickte Bettwäsche zum Tagesansatz von Fr. 6.-. Schliesslich verbessert sich ihre rechtliche Flüchtlingssituation, sie ziehen in eine kleine Privatwohnung. Heute lebt die Familie ohne Zuwendungen der Sozialhilfe. Doch seit Jahren leidet Muhiba an einer chronischen Rheumaerkrankung. Besonders schlecht fühlt sie sich, wenn es feucht, düster und kalt wird. Wegen ihrer Krankheit erhält Muhiba eine Teilrente von der IV. In Teilzeit arbeitet sie in einem Migrationszentrum in verantwortlicher Stellung. Mit dem Verdienten unterstützt sie auch ihre betagten Eltern in Bosnien-Herzegowina.

Der ethnische Wahn

Der jugoslawische Vielvölkerstaat ist zerbrochen. Aus ihm entstanden kleine, oft kleinste Staaten, nationalistische Gebilde, getrennt durch völkische Wahnideen. Feindschaft und Zwietracht wurden systematisch gesät, Krieg, schliesslich abscheulichste kollektive Verbrechen waren die Folgen. Es gab nichts zu erobern, nur zu teilen. So leben heute noch die Schwester und die Eltern von Muhiba als Muslime in der Republika Srpska, dem serbischen Teil in Bosnien-Herzegowina. Von dort stammt die muslimische Familie, sie siedelte sich vor 600 Jahren im Osmanischen Reiches an. Der Schwager von Muhiba findet nur 70 Kilometer entfernt in einem nicht-serbischen Gebiet Arbeit und wohnt in einer Mansarde. Auch ihre Schwester wird tagtäglich vertrieben, sie  fährt in ein ebenfalls nichtserbisches Gebiet und verdient als Verkäuferin in einem Einkaufszentrum ein Minimum. Die Hass-Idee von der angeblichen ethnischen Reinheit gebietet solchen Unsinn. Ein Leben ohne Zukunft, wie wir es uns nicht vorstellen mögen.

Glauben an die Bildung

Muhiba glaubt an eine gute Zukunft durch Bildung des Menschengeschlechtes. Die ältere Tochter konnte in der Schweiz erfolgreich als Architektin abschliessen. Der jüngeren, in der Schweiz geborenen Tochter ermöglicht sie den Besuch der Rudolf-Steiner-Schule, „selbst wenn ich nur von Brot und Wasser leben muss“. Als Mutter hätte sie manchmal das Gefühl, sie wisse nicht, was mit ihrer jüngeren Tochter passiert, denn diese besässe eine ganz empfindliche Seele. Während der Schwangerschaft, zur Zeit der Flucht vor dem Krieg, hätten sich ihre eigenen Ängste auf das Ungeborene übertragen, vermutet Muhiba. Indirekt seien so im Ungeborenen die schrecklichen Leiden der muslimischen Bevölkerung spürbar geworden, welche diese in den Jahren 1992-1995 in Bosnien-Herzegowina erdulden mussten.

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