Zeitungen gedruckt, ArbeiterInnen deprimiert, Leute schikaniert

Paul Ignaz Vogel

Die Schweizerische Post AG führt Tochtergesellschaften, so auch PRESTO AG. Diese besorgt die Frühzustellung von Zeitungen. Mit dem zunehmenden Druck auf die Beschäftigten geht seit Jahren ein Abbau bei den finanziellen Leistungen einher. Es entstehen working poor. Sie leben auch von der Sozialhilfe. Das ist ein struktureller Sozialhilfe-Missbrauch, von dem nie die Rede ist.

Begonnen hatte Peter Müller (62, Pseudonym) sein Arbeitsleben mit einer Berufslehre als Chemielaborant in der Schweiz. Er bestand die Abschlussprüfungen mit Rang, worauf er noch heute stolz ist. Seine berufliche Laufbahn ist sehr vielseitig und facettenreich. Einige Eckpunkte seien erwähnt: Nach einer Arbeitsphase als Laborant war Peter für ein Waisenhaus in einem Praktikum als Sozialpädagoge, dann im Asylbereich als Betreuer tätig. Darauf fügte er ein Jahr als Ausbildung zum Koch hinzu und wurde in dieser Funktion von einem Quartiertreff und Wohnheim angestellt. Es folgte darauf wieder eine Anstellung als Laborant, ein Versuch die Maturität zu erreichen. Während zwei Jahren wohnte er nach dem Mauerfall in Ostdeutschland und lebte dort mit dem Geld seiner 2. Säule, die er sich hatte auszahlen lassen. 

Frühzustellung von Zeitungen

Zurück in der Schweiz  folgten andere Jobs, auch begann Peter seine Tätigkeit als Frühzusteller für Zeitungen. Heute ist das noch seine Haupt-Nebenbeschäftigung. Aber er muss als working poor von der Sozialhilfe leben. Für eine Person in diesem Alter ist es höchst schwierig, noch eine Lohnarbeit zu finden, von der man leben kann. In einem Jahr wird Peter frühpensioniert und erhält dann die AHV. Er  leidet heute unter psychischen Problemen und ist in ärztlicher Behandlung. Er stellt fest: „Das ist die Folge des Drucks bei der Arbeit. Ich wurde psychisch labil, agressiv und laut. Nachdem ich eine Teilzeitstelle gekündigt hatte, ging es mir rasch besser.“ So sieht ein Alltag aus, der sich sechs mal in der Woche wiederholt: Um 03:00 Uhr steht Peter auf, er meldet seine Präsenz telefonisch beim VerträgerInnenzentrum an, geht zu einem Platz in der Nähe der Gasse, wo er wohnt und öffnet das Kabelschloss seines Verträgerwagens. Die gedruckten Zeitungen wurden zuvor schon von einem Camion-Team in Bündeln auf einer Sitzbank deponiert. Oft variieren die Zahlen auf den Lieferscheinen mit den Zahlen in den Lohnabrechnungen. Es gibt einen Mischlohn, der sich aus einem Grundlohn und einer pro Stück Zeitung abgerechneten variablen Entschädigung zusammensetzt. Mit allen gesetzlich geschuldeten Zahlungen kommt Peter so brutto auf einen durchschnittlichen Stundenlohn von 17.60 Franken. „Ich muss sehr sparsam leben, die Bereiche Ausgehen, Kultur und Ferien sind sehr eingeschränkt“, bemerkt Peter. 

Sozialhilfemissbrauch durch Arbeitgeberin

Peter arbeitet für die PRESTO AG, die zu 100% der Schweizerischen Post AG gehört. Von seiner Arbeitgeberin hält er nicht viel: „Die Post-Tochter kürzte innerhalb von sechs Jahren Lohnauszahlungen um bis zu 30%, also um 5% pro Jahr. Dadurch müssen die Sozialhilfe und die Arbeitslosenkassen mehr Geld zahlen.“ Gegen diese Schmälerungen des Verdienstes durch seine Arbeitgeberin setzt er sich zur Wehr und hat eine kleine Betriebsgruppe gebildet. Auch engagiert er sich in den Gewerkschaften syndicom und Unia. Von den Gewerkschaften sagt er: „Sie vertreten ausserbetrieblich Angestellte mit ihren innerbetrieblichen Problemen.“ 1968 besang der französische Chansonnier Jacques Dutronc Paris, das um 5 Uhr erwacht, etwa so: „Die Zeitungen sind gedruckt, die ArbeiterInnen sind deprimiert, die Leute stehen auf, sie werden schikaniert.“ Für die damaligen Zeitumstände bedeutete dies eine ziemlich doppelsinnige Botschaft: „Die Leute stehen auf“.

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