Zweites Leben beginnt im Spiegel des ersten

Paul Ignaz Vogel

Das Kind wächst in einer Familienszene der Lieblosigkeit auf.  Aus dem Elend eines Schlüsselkinds entsteht ein turbulentes Leben des Suchens. Nach einem Nahtoderlebnis setzt eine zweite Existenz ein, die ganz anders zu werden ver­spricht. 

Für Samantha Steiner (Pseudonym, *1964) ist alles nicht mehr wie früher. Sie fühlt sich in ihrem zweiten Dasein wie gespiegelt. Vor zwei Jahren war sie klinisch tot, doch das Ärzteteam entschloss sich, vorerst die Apparate nicht  abzustellen. Sa­mantha nahm während der Operationen zwei Empfindungen wahr: So will ich nicht leben, und ich komme zurück. Darauf folgten vier Tage künstliches Koma und sieben Wochen Spitalaufenthalt. Heute regeneriert sich Samantha. Sie ist zwar immer noch zu 100% arbeits­unfähig, aber in einem Schreiben bekennt sie: „Ich fühle mich geseg­net. Trotz meiner kurvenreichen Biografie; oder gerade deshalb.“

Aus elenden Familienverhältnissen

Der Vater von Samantha wurde im Waisenhaus gross. Gefühlskälte und soziales Unverständnis prägten ihn. Sein Kind wuchs als Schlüsselkind auf, da beide Eltern­teile zu 100% berufstätig waren. Tagesmütter versuchten, dem Kind Wärme und Zu­wen­dung zu geben. Psychische Gewalt, Liebensentzug, ständiger Streit untern den El­tern war der familiäre Alltag. Als Samantha 14-jährig war, erfolgte die Scheidung der Eltern. Bei der Mutter mit ihrem neuen Mann war keine Bleibe. So verbrachte Sa­mantha ihre Freizeit in einem Jugendzentrum. SozialarbeiterInnen wurden zu  Be­zugspersonen. Für den Schulabschluss lernte sie in einem autonomen Jugendzent­rum. Sie entwickelte früh ein Sensorium, sich durch einen präven­tiven Habitus zu schützen und sich immer so zu verhalten, dass ihr nichts Negatives zustösst. Darauf basiert die Sozialkompetenz, die sie sich im Alltag ihres Lebens aneignete. 

Im Kaleidoskop der Berufe 

Nach dem Schulabschluss und einem Praktikum als Kleinkindererzieherin durfte Sa­mantha, von der elterlichen Gewalt geduldet, eine einjährige Lehre als Fernmel­dete­lefonistin machen. Sie übte diesen Beruf nur kurz aus. Es folgten sieben freie Jahre des Umherziehens im Ausland. Eines davon als Hippie in Indien, es folgten Arbeiten in einem Zeichentrickfilmbüro in Kanada und später als Reiseleiterin in Paris. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz folgte ein Studium an einer Fachhochschule für Ge­staltung, schliesslich eine dreijährige Schulung als Naturärztin mit 10-jähriger Praxis. Doch es fehlte die offizielle Anerken­nung ihres Berufes. Berufsbegleitend bildete sich sodann Samantha in sieben Semestern zur Sozialpädago­gin mit Abschluss aus. Als ihr grosses Vorbild gilt eine Erzieherin in einem Tagesheim, in dem sie als siebenjäh­riges Kind einquartiert wurde. Später kreuzten sich ihre Wege wieder, als Samantha an einer Fachhochschule für soziale Arbeit studierte. Die ehemalige Erzieherin war dort Dozentin. Kinderschutz­themen begleiten diese mittlerweilen pensionierte Fach­frau ihr Leben lang. Noch heute pflegt Samantha Kontakte zu ihrem Vorbild. 

Hoffnung auf Arbeitsfähigkeit 

Gegenwärtig befindet sich Samantha noch auf der Seite der Betreuten und der Hilfs­be­dürftigen. Wäh­rend der Abklärungen für die eidgenössische IV bezieht sie seit 2013 dank einem Sonderreg­lement ihres ehemaligen öffentlichen Arbeitgebers eine berufliche IV-Rente. Durch die Todesnähe und die vie­len Narkosen hat Samantha immer noch grosse Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis. Auch ist sie nicht nachhaltig belastbar. Aber sie ist guten Mutes und sagt: „Heute mit 50 würde ich mich freuen, gesunde 80 plus zu erreichen“. So hofft sie, sich wieder in einer Arbeit engagieren zu können.

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