Gesundheit ist das Allerwichtigste

Paul Ignaz Vogel

In den Schweizer Alpen herrscht nicht nur Idylle. Das Leben einer allein erziehenden Mutter erweckt zwar Bewunderung, aber auch Abscheu vor verheimlichten Zuständen schwingt mit. Die Frau wurde in ihrer Kindheit sexuell missbraucht. Heute versucht sie, das Beste aus ihrem Leben und dem ihres Kindes zu machen. Ihre Gesundheit ist zerbrechlich. Die Allgemeinheit betreut Mutter und Kind mit Sozialhilfe.

Thomas (Pseudonym), ein vierjähriger Knabe, ist kaum schüchtern. Artig gibt er mir die Hand und schaut mir in die Augen, als ich ihn begrüsse. Für die allein erziehende Mutter Jana Sternli (28, Pseudonym) bedeutet das Kind sehr viel, fast alles in ihrem bisherigen Leben.

Bevor Jana zur Lohnarbeit im Teilzeitjob geht, gibt sie ihr Kind Thomas den Grosseltern zum Hüten. Diese wohnen im höher gelegenen Nachbardorf. Sie fährt ihn mit ihrem Auto dorthin und holt Thomas nach getaner Arbeit wieder ab.

Von den KITAs hält Jana nicht viel: „Ich habe kein Kind auf die Welt gebracht um es in eine KITA abzuschieben. Ich bin die Mutter und will mein Kind auch aufwachsen sehen.“ Thomas zeigt mir seine Kinder-CDs voller Stolz. „Das sind lustige Geschichten, mit einem christlichen Hintergrund“, ergänzt die Mutter. Sie will ihr Kind anständig erziehen, eine gesicherte Zukunft bieten, ohne dass Geld immer eine Rolle spielt.

Tourismus als Erwerbsquelle
Jana stammt aus einfachsten Verhältnissen und lebt in einer ländlichen Umgebung, in welcher der Tourismus wichtigste Erwerbsquelle ist. Ihr Vater konnte keinen Beruf erlernen. Doch er fand Lohnarbeit bei einer Bergbahn, später im Getränkehandel. Die Mutter ist Allrounderin und arbeitete im Zimmerdienst von Hotels. Die Geschwister von Jana wählten verschiedene praktische Berufe wie Dachdecker, Bäckerin und Köchin.

An ihre Schulzeit im Bergdorf erinnert sich Jana gerne. Sie denkt an ihren guten, aber strengen Lehrer. Sport und Mathematik waren ihre Lieblingsfächer. „Mit Zahlen konnte ich immer gut umgehen“, sagt Jana. Aber das Schriftliche lag ihr nicht, sie arbeitet gerne in einem Beruf, wo Hand angelegt werden muss. Also entschied sie sich zu einer Hauswirtschaftslehre.

Jana blieb jedoch in ihrer beruflichen Ausbildung aus tragischen Gründen stecken. Im ersten Lehrjahr hatte sie eine gute Lehrmeisterin, der sie voll vertraute. Ihr zweites Lehrjahr musste sie in einem Grossbetrieb absolvieren, das Vertrauen zur Lehrmeisterin fehlte. Diese bevorzugte eine andere Auszubildende wegen guten Leistungen im Schriftlichen. Es kam auch zu erheblichen sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz der Lehrstelle, die wegen nachlässiger Betriebsführung nicht aufgedeckt wurde. Jana stürzte darauf psychisch ab, wurde akut krank und musste die Lehre abbrechen.

Schlimme Schatten der Vergangenheit
Die psychische Erkrankung von damals hatte eine Vorgeschichte: Bereits in ihrer Kindheit war Jana Opfer von sexuellen Missbrauch geworden. Mit 11,12 Jahren tauchten diese Erlebnisse in ihrem Bewusstsein auf. Die Leidenszeit des Nicht-Verarbeiten-Könnens dauerte bis Jana 16-jährig war und sie schliesslich den Mut fand, auf Anraten ihrer ersten Lehrmeisterin an die amtliche Kinder- und Frauenhilfe zu gelangen. Hier fand sie endlich Gehör und Hilfe, um zu versuchen, ihre psychische Pein zu verarbeiten.  

Unstet irrte Jana durchs Leben. Nach der abgebrochenen Lehre begann sie zu jobben, sie verkaufte unter anderem Kebab, dann Patisserie, heiratete und betrieb mit der Familie ihres Mannes einen Lieferdienst für Mahlzeiten. Es kam zur Scheidung und zu einer Vereinbarung, wonach Jana das volle Sorgerecht für Thomas erhielt, dafür aber auf jegliche Zahlung von Alimenten verzichten musste. Ein freiwilliger Verzicht der Mutter?

Die allein Erziehende musste nach der Scheidung wieder im Nullpunkt beginnen. Nun ist sie zu 40% als Küchengehilfin in einem Hotel-Restaurant ihres Wohnortes angestellt, aber für diesen Teilzeitjob zu 100% krank geschrieben.

Für ihre Zukunft wünscht sich Jana gute Gesundheit, das sei das Allerwichtigste, wie sie sagt. Und einen guten Partner, an den sie sich anlehnen könnte. Zur ihrem erlittenen schweren Kinds-Missbrauch meint sie: „Man muss lernen, damit zu leben“. Die materielle Existenz von Jana und Thomas wird vorderhand von der regionalen Sozialhilfe gesichert. Das zugefügte Leid und das Leiden bleiben.

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